In den letzten Monaten wurde viel über die Zukunft der Suche, generative KI und Google gesprochen – und ehrlich gesagt: vieles davon führt am eigentlichen Problem vorbei. Wenn ich mir ansehe, welche Themen momentan die SEO‑Welt bewegen – Stichworte wie AEO, GEO, LLM‑Optimierung oder „Content‑Chunking“ – dann fällt mir auf, dass sich viele im Detail verlieren. Das große Ganze gerät dabei aus dem Blick. Und genau darum möchte ich hier mal Tacheles reden: über die wahre Richtung, in die sich Suche entwickelt – und warum so viele AI‑Suchergebnisse im Moment einfach Müll sind.
Der Wandel in der Suche – von Keywords zu Bedeutung
Vor Jahren war alles klar: Wer bei Google ranken wollte, musste die richtigen Keywords platzieren, gute Backlinks sammeln, und schon funktionierte das System. Dann kam der „Knowledge Graph“. Plötzlich ging es nicht mehr um reine Zeichenketten, sondern um Themen, Entitäten, Zusammenhänge – also darum, wie Menschen denken. Google nannte diesen Schritt selbst „von Strings zu Things“. Seitdem hat sich die Suchmaschine schrittweise darauf zubewegt, Verstehen statt Zählen zu lernen.
Heute, im Zeitalter von KI‑gestützter Suche, erleben wir die nächste Stufe dieser Entwicklung. Google nutzt Systeme, die Inhalte nicht mehr oberflächlich scannen, sondern kontextbasiert verstehen sollen. Das Ziel: Antworten zu liefern, die eine Frage tiefgehend abdecken – oft in mehreren zusammenhängenden Absätzen. Klingt großartig, oder? Leider sieht die Praxis anders aus.
Was wirklich anders ist an SEO im KI‑Zeitalter
Viele sagen derzeit, SEO habe sich gar nicht verändert. Das stimmt nur halb. Die Mechanik im Hintergrund ist im Kern noch dieselbe, aber die Form der Antwort verändert alles. Früher hast du für ein Keyword optimiert – eine Frage, ein Ergebnis. Heute splittert sich ein einziger Suchvorgang in mehrere Teilanfragen auf. Google generiert aus einer Frage flexibel verwandte Themen – eine Art query fan‑out. Das heißt: Wenn jemand nach „Sneaker reinigen“ sucht, beantwortet Google plötzlich auch, welche Materialien sich eignen, welche No‑Go‑Reinigungsmittel es gibt und wo man neue kauft. Eine Frage – fünf Antworten – alle in einem generierten Textblock. Klingt nützlich, raubt aber den Websites den direkten Zugriff auf den Nutzer.
Das Märchen vom „Chunking“
Ein geradezu inflationäres Buzzword in der SEO‑Szene lautet „Chunking“. Die Idee: Wenn man Inhalte bewusst in kleine Häppchen zerlegt, versteht die KI sie besser. Viele raten dazu, Artikel zu „segmentieren“, als würde man sie für Roboter schreiben. Das Problem: Gute Websites tun das schon lange – mit Überschriften‑Hierarchien, Listen, strukturierten Daten. HTML an sich sorgt bereits für die notwendige Gliederung. Es bedarf keiner künstlich zerhackten Texte, nur weil irgendein LinkedIn‑Guru gesagt hat, „LLMs lieben kleine Absätze“.
Interessanterweise hat inzwischen auch Google selbst – genauer gesagt Danny Sullivan und John Mueller – in einem Podcast darauf hingewiesen, dass diese Fixierung völlig fehlgeleitet ist. Sie sagen sinngemäß: „Baut eure Inhalte nicht extra für LLMs um. Schreibt für Menschen.“ Das ist ein deutliches Signal: Wer versucht, für ein Sprachmodell zu schreiben, schneidet am Ende meist schlechter ab. Google will Texte so konsumieren und bewerten, wie sie auch ein Mensch liest – fließend, sinnvoll, ohne Brüche.
Warum Chunking der falsche Fokus ist
Das Problem liegt woanders. Statt sich in Mikrotaktiken zu verlieren, sollten wir uns fragen: Wie verändert sich eigentlich das Nutzerverhalten? Wenn Google ohnehin lange Antworten direkt in die Suchseite einblendet – was bleibt für Websites übrig? Hier kommen wir zum wahren Knackpunkt: Die Zahl der Klicks schrumpft. Selbst gut platzierte Seiten profitieren kaum, weil der Nutzer seine Antwort bereits bekommt, bevor er irgendwo klickt.
Das große Tabu: der Rückgang der organischen Zugriffe
Kaum jemand bei Google redet darüber, wie drastisch diese Entwicklung den Traffic vieler Publisher trifft. Wenn Google mehrere Fragen gleichzeitig beantwortet, verteilt sich der Traffic auf weniger Quellen. In der Praxis bedeutet das: mehr Aufwand, weniger Ertrag. Und das, obwohl die SEOs alles „richtig“ machen – mit hochwertigen, user‑zentrierten Inhalten.
Ich finde es bemerkenswert, dass Sullivan in seiner Guidance zwar betont, man solle „auf die Grundlagen setzen“, die langfristig tragen – Recht hat er – aber das eigentliche Thema, nämlich den strukturellen Trafficverlust, elegant umgeht. SEO‑Strategien, die allein auf Sichtbarkeit setzen, greifen in dieser neuen Logik zu kurz. Es braucht Strategien, die auf Markenbildung, Community und Wiedererkennung basieren – also Faktoren außerhalb der reinen Google‑Welt.
Wie schlecht KI‑Suchergebnisse derzeit wirklich sind
Um ehrlich zu sein: Was Google im sogenannten „AI‑Modus“ oft präsentiert, ist beschämend. Ich habe mir testweise harmlose Suchanfragen angesehen – etwa zu Lifestyle‑ oder Technikthemen – und war entsetzt. Anstatt renommierte Quellen zu zeigen, spuckt das System eine Mischung aus alten Blogartikeln, halb verwaisten Medium‑Profilen und generischen LinkedIn‑Posts aus. Teilweise sind die verlinkten Seiten fünf Jahre alt oder haben defekte Bilder. Das ist keine „intelligente“ Suche, das ist algorithmischer Zufall.
Dass Google diese Fundstellen dann auch noch mit großem Selbstbewusstsein präsentiert, während echte Expertenseiten wie die von Fachmagazinen unter „Mehr“ oder „News“ versteckt werden, ist schwer nachvollziehbar. Faktisch bedeutet das: Wer qualitativ hochwertige Inhalte produziert, wird vom System benachteiligt – weil der Algorithmus aktuell glaubt, „Diversität der Quellen“ sei wichtiger als Expertise.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ich habe nach einem simplen Modethema gesucht – wie man einen bestimmten Pulloverstil trägt. Google zeigte mir drei Quellen: ein altes Medium‑Blog mit genau zwei Artikeln, ein LinkedIn‑Posting ohne fachliche Tiefe, und einen Produktbeitrag eines Sneaker‑Shops. Keine Spur von Fachmagazinen wie GQ oder Style‑Portalen, wo tatsächlich Profis schreiben. Diese tauchten erst nach mehreren Klicks im Reiter „Mehr › News“ auf – also dort, wo kaum jemand noch hinschaut. Soll so Vertrauen entstehen?
Die Erosion des Vertrauens
Ich bin lange genug in der SEO‑Welt unterwegs, um zu wissen: Google hatte nie den Anspruch, perfekt zu sein. Aber früher lag der Wert in der Entdeckung – man stieß auf neue Stimmen, spannende Blogs, echte Expertise. Diese Magie geht gerade verloren. Stattdessen reihen sich KI‑generierte Textblöcke aneinander, die zwar syntaktisch korrekt, aber inhaltlich leer sind. Das ist das eigentliche Desaster hinter den aktuellen AI‑SERPs: Sie spiegeln eine algorithmische Mittelmäßigkeit wider, die weder dem Nutzer noch den Machern dient.
Warum Google ein Reset braucht
Wenn ich ehrlich bin, wünsche ich mir manchmal das alte Google zurück. Das, bei dem gute Seiten einfach durch Fachwissen glänzten, nicht durch semantische Glückstreffer. Heute wäre es fast schon revolutionär, wenn Google einfach wieder die besten Inhalte anzeigen würde – nicht die am leichtesten verrechenbaren. Vielleicht sollte man die ganze Gemini‑ und KI‑Schicht in einen separaten Reiter verschieben – dorthin, wo experimentelle Features hingehören – und der klassischen Suche wieder mehr Gewicht geben.
Fazit – Was bleibt zu tun?
Ich glaube, es gibt im Moment zwei Wege für dich als SEO‑ oder Content‑Mensch:
- Erstens: Verabschiede dich von kurzfristigen „Tricks“. Kein Chunking, keine krampfhaften LLM‑Optimierungen. Schreib so, dass Menschen deine Texte gern lesen – nicht so, dass Maschinen sie zerlegen.
- Zweitens: Denk größer als Google. Setz auf Wiederkehrer, auf E‑Mail‑Abonnenten, auf eigene Plattformen. Wenn Google immer stärker Antworten direkt liefert, musst du dafür sorgen, dass die Leute dich unabhängig davon kennen.
Und zu guter Letzt: Lass dich nicht entmutigen. Dass Suchergebnisse im Moment oft wie „Garbage AI SERPs“ wirken, hat weniger mit deinem Können zu tun als mit der falschen Prioritätensetzung der Systeme. Doch jede algorithmische Welle flacht irgendwann ab – geblieben sind immer jene, die für den Menschen geschrieben haben. Und genau das ist am Ende wahrscheinlich auch das Einzige, was wirklich Bestand hat.