Neue Zahlen zeigen deutlich, dass Googles AI Overviews (AIO) im Finanzbereich sehr selektiv eingesetzt werden. Manche Suchanfragen werden regelmäßig mit KI‑Antworten versehen, andere hingegen bleiben rein bei klassischen Suchergebnissen. Je nach Intent – also ob eine Abfrage Wissen, Berechnung oder eine konkrete Aktion bezweckt – entscheidet Google offenbar bewusst, wann die KI eingreift und wann nicht. Das Gesamtbild, das sich daraus ergibt, ist ziemlich spannend.
Wo KI im Finanzkontext glänzt
In meiner täglichen Arbeit mit Suchdaten ist mir schon länger aufgefallen, dass Google seine KI vor allem dort nutzt, wo erklärende Inhalte gefragt sind. Die Analysen von BrightEdge bestätigen genau das. Wenn du also lernorientierte oder definitorische Finanzbegriffe eingibst – etwa „Was ist ein ETF?“ oder „Wie funktioniert Zinseszins?“ – erscheint die KI‑Antwort fast jedes Mal. Bei diesen sogenannten Educational Queries liegt die AIO‑Quote beeindruckend hoch, rund 90 %.
Der Grund ist logisch: Solche Anfragen verlangen keine Echtzeitdaten, sondern ein zusammenhängendes Verständnis. Die KI kann Konzepte bündeln, Quellen vergleichen und vereinfacht erklären. Hier ein paar typische Beispiele:
- ebitda bedeutung
- was ist ein IRA‑Konto
- wann lohnt sich Dollar‑Cost‑Averaging
- was ist ein Derivat
- wie funktioniert eine Anleihe
All das sind Fragen, bei denen du als Nutzer*in eher lernen willst als handeln. Genau dafür scheint Google seine AIO‑Module zu optimieren.
Wann AIO bewusst außen vor bleibt
Ganz anders sieht es bei Themen aus, bei denen Aktualität, Präzision oder lokale Daten gefragt sind. Realtime‑Informationen, Tools oder Standortanfragen lassen kaum Raum für generative Antworten. Stell dir vor, du suchst nach „Tesla‑Aktie heute“ oder „401k Calculator“ – das sind Momente, in denen du keine erklärende Abhandlung willst, sondern exakte Zahlen oder Funktionen. Deshalb blendet Google dort meist die klassische Ergebnisliste oder spezialisierte Widgets ein.
BrightEdge fand heraus, dass nur rund 7 % solcher Echtzeit‑ oder Ticker‑Abfragen ein KI‑Snippet enthalten. Bei Rechentools („zinsrechner“, „mortgage calculator“) sinkt die Rate fast auf null. Ähnlich schwach ist die KI‑Präsenz bei lokalen Suchanfragen. 2023 lieferte die damals noch experimentelle SGE (Search Generative Experience) hier oft KI‑Blöcke; inzwischen ist davon kaum etwas übrig. Nur etwa 10 % der „in meiner Nähe“‑Suchen enthalten heute noch AI Overviews – fast alles andere sind Map‑ oder Local‑Pack‑Ergebnisse.
Warum? Vermutlich, weil Nutzer mit diesen Suchtypen ungeduldig auf konkrete, klickbare Informationen warten. Eine erklärende KI‑Antwort an dieser Stelle würde eher stören als helfen.
Beispiel für KI‑freie Kategorien:
- 401k calculator
- mortgage calculator
- AAPL Aktie
- Dow Jones heute
- ETFs in meiner Nähe
Man erkennt also ein klares Muster: Je klarer eine Transaktion oder Messung erwartet wird, desto weniger Platz lässt Google der KI.
Warum Google differenziert – und wen das betrifft
Ein zentraler Punkt, der oft übersehen wird, ist die Rolle des Nutzer‑Feedbacks. Google experimentiert ständig mit Anzeigearten und zieht Daten daraus, wie Menschen reagieren – ob sie klicken, nachscrollen, abbrechen. Wenn die KI‑Antwort in stressigen Szenarien wie „Aktienkurs jetzt“ zu wenig Vertrauen schafft, wertet der Algorithmus das als negatives Signal. Das erklärt, warum diese Segmente mittlerweile wieder klassisch aussehen.
Auch regulatorische Aspekte (zum Beispiel im Finanz‑ oder Gesundheitsumfeld, den sogenannten YMYL‑Bereichen – „Your Money or Your Life“) spielen eine Rolle: Falsche Informationen hätten hier reale Konsequenzen. Entsprechend vorsichtig agiert Google mit automatischer Texterzeugung.
Brands und Navigationssuchen – Tabuzone für KI
Eine weitere Beobachtung: Sobald Markennamen oder Logins im Spiel sind, verschwindet die KI komplett. Wer nach „Chase Bank Login“ oder „American Express credit card“ sucht, erhält keine synthetische Zusammenfassung – nur direkte Links oder Knowledge Panels. Die Quote liegt unter 4 %, oft sogar bei null.
Das macht auch aus Branding‑Sicht Sinn: Niemand möchte, dass eine KI den Nutzer auf mögliche Alternativen hinweist, wenn dieser gezielt nach einer bestimmten Marke sucht. Google schützt hier seine Partnerökosysteme und die Zuverlässigkeit der Ergebnistreue.
Wo AI Overviews dominierten und wohl bleiben werden
Wenn man all diese Daten zusammennimmt, ergibt sich ein klares Bild: Erklärender, beratender Content mit Lernfokus ist das natürliche Habitat der AI Overviews. Besonders häufig tauchen sie bei Themen auf wie:
- Anlage‑ und Rentenplanung – etwa „Rentenoptionen 2026“ oder „Wie berechne ich die Altersvorsorge?“
- Steuergrundlagen – Fragen zu „Kapitalertragsteuer“ oder „was zählt als steuerpflichtiges Einkommen“
- Vergleiche und Konzepte – „ETF vs. Indexfonds“, „festverzinslich oder variabel“
BrightEdge‑Daten zeigen hier KI‑Präsenzen zwischen 55 % und 67 %, also deutlich über dem Branchenschnitt. Man kann also sagen: Überall dort, wo ein Mensch eine Orientierungshilfe will, darf Google erklären, zusammenfassen und auf Quellen verweisen.
Was das für dich als Content‑Schaffende*r bedeutet
Wenn du willst, dass deine Inhalte in solchen Overviews zitiert oder paraphrasiert werden, musst du präzise, faktennahe und strukturiere Informationen liefern. Es geht weniger um Marketingfloskeln, sondern um klare Definitionen, nachvollziehbare Schritte, Zahlenbeispiele. Google sucht dabei keine Meinung, sondern verifizierbare Verständlichkeit. Auch ich beobachte regelmäßig, dass Seiten mit sauberem Aufbau – Zwischenüberschriften, kurze Erklärkapitel, Tabellen oder visuelle Elemente – häufiger in AIOs auftauchen.
Ein weiterer Hebel ist Konsistenz. Wer regelmäßig veröffentlicht und eine erkennbare Autorenschaft zeigt, baut Vertrauen auf. Gerade in sensiblen Finanzthemen wirkt Wiedererkennbarkeit wie ein Qualitätsstempel. Taktische SEO‑„Hacks“ dagegen führen oft nur kurzfristig zu Sichtbarkeit; langfristig punktet die kontinuierliche inhaltliche Tiefe.
Das größere Bild: Sichtbarkeit verändert sich
Obwohl die KI‑Einblendungen nur einen Teil des Gesamt‑Traffics ausmachen, verschiebt sich die Wahrnehmung von „Ranking“. Sichtbarkeit bedeutet nicht mehr ausschließlich Platz 1 bis 3 in der organischen Liste. Immer wichtiger wird, in KI‑Antworten erwähnt zu werden – intertextuell oder als Quelle eines Satzes. Das kann durch ein Zitat, ein Datenbeispiel oder ein anschauliches Grafikelement passieren.
Daraus folgt auch: Rein textbasierte Suchmaschinenoptimierung reicht nicht mehr. Bilder, Diagramme, Podcasts oder kurze Erklärvideos können genauso als Referenzen dienen. Alles, was Fakten stützt oder komplexe Themen leicht verdaulich macht, hilft der KI, dich zu erkennen und einzubinden.
Alte SEO‑Grundlagen bleiben gültig
Für lokale Treffer, Tools und Live‑Daten gelten weiterhin die klassischen Rankingfaktoren wie Mobilfreundlichkeit, Core Web Vitals, strukturierte Daten und Backlinks. Diese Bereiche liegen (noch) außerhalb der KI‑Zonen. Wer dort gefunden werden will, sollte an der handwerklichen SEO‑Basis feilen – schnelle Ladezeiten, saubere Markups, hochwertige interne Verlinkung.
Fazit: Zwei Welten, ein Ziel
Im Grunde erleben wir gerade eine Aufspaltung der Suchlandschaft in zwei Parallelräume. Auf der einen Seite das traditionelle, datengetriebene Suchen – auf der anderen das erklärende, KI‑gestützte Fragen. Für Finanzthemen bedeutet das:
- Erklärungen, Vergleiche, Bildung – hohe KI‑Aktivität, Fokus auf Expertise und Verständlichkeit.
- Preise, Rechentools, Standorte – klassische SERPs, Fokus auf Genauigkeit und Geschwindigkeit.
- Brands und Logins – keine KI, direkter Zugang ist entscheidend.
Spannend finde ich, dass Google hier nicht einfach die Technologie ausrollt, sondern aktiv prüft, wann sie Mehrwert schafft. Für uns im Content‑Bereich ist das eine Einladung, noch stärker in Qualität und Kontext zu investieren. Wer echten Nutzen stiftet, wird – ob in organischen Rankings oder AI Overviews – sichtbar bleiben.
Am Ende geht es nicht darum, die KI zu überlisten, sondern mit ihr zu sprechen: klar, faktenreich und menschlich. Genau das ist die neue Währung im Suchökosystem.