Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, in denen Marketing-Akrobatik alles war. Mit Budgets, cleverem Targeting und datengetriebenem Feingefühl konnte man fast jedes Produkt an den Mann bringen – egal ob es wirklich gut war oder nicht. Doch diese Ära ist vorbei. Wir sind jetzt an einem Wendepunkt angelangt, an dem nicht mehr das lauteste Marketing, sondern die wahrhaftigste Produktqualität gewinnt. Genau das ist der Kern des, was viele inzwischen als Agentic Commerce bezeichnen.
Die neue Logik des Marktes lautet: Künstliche Intelligenz (KI) ist nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Gatekeeper. Sie entscheidet, welches Produkt, welche Marke und welcher Händler überhaupt wahrgenommen wird. Es ist eine radikale Umkehr: Während früher SEO und Performance Marketing den Zugang zu Käufern regelten, übernehmen heute LLMs und KI-Agenten die Vermittlungsrolle zwischen Kunde und Marke. Und das verändert alles.
Das Ende der Marketing-Arbitrage
In den letzten zehn Jahren konnte man mit guten Texten, starken Keywords und geschicktem Budgeteinsatz Schwächen im Produkt überdecken. Seitenranking, Conversion-Optimierung und Social Ads führten fast zwangsläufig zu Wachstum. Heute wird dieses Modell durch die KI-gestützte Handelswelt ausgehebelt. Agentic Commerce bedeutet, dass Maschinen für Kunden recherchieren, vergleichen und empfehlen. Sie prüfen Bewertungen, Datenpunkte, Testergebnisse – und sie bevorzugen Fakten vor Fassade.
Ich finde, das ist faszinierend. Einerseits wird der Handel transparenter. Andererseits heißt das aber auch: Schlechte Produkte fliegen auf, weil KI sie anhand realer Merkmale einordnet. Für Marken bedeutet das, sie müssen beweisen, dass ihr Angebot Substanz hat. Die Ära des „Marketing zuerst“ ist vorbei. Es zählt nur noch, wie „wahrhaftig“ deine Produktdaten und dein Kundennutzen sind.
Das Loch in der Mitte – Warum vollautonomes Kaufen ein Mythos bleibt
Viele verbinden mit „Agentic Commerce“ die Vorstellung, dass wir bald völlig automatische Einkaufsabläufe haben – dass eine KI eigenständig für uns einkauft. Ich sehe das skeptisch. Vollautonome Kaufprozesse machen nur in sehr wenigen Szenarien Sinn.
Bei hochpreisigen Anschaffungen wie Autos oder Reisen will niemand die Entscheidung an eine Maschine abgeben – zu groß ist der Wunsch nach Kontrolle und Individualität. Bei Konsumgütern wie Zahnpasta oder Waschmittel wiederum gibt es längst wiederkehrende Bestellmechanismen über Abo-Modelle. Was bleibt, ist ein schmaler Zwischenbereich: Produkte, die komplex genug sind, um Beratung zu verlangen, aber nicht teuer genug, um großen emotionalen Aufwand zu rechtfertigen. Dort zeigt sich das wahre Potenzial von konversationalem Handel.
Vom Klickmarathon zur Ein-Frage-Interaktion
Wenn du heute ein Produkt kaufen willst, klickst du dich durch zahllose Seiten, Bewertungen und Preisvergleiche. Künftig läuft das als Gespräch: Du fragst „Welche Laufschuhe sind ideal für flache Füße?“ – und der Chat-Assistent kennt nicht nur alle Modelle, sondern hat Labordaten, Kundenbewertungen und Preisentwicklungen im Speicher. Es bleiben ein oder zwei Schritte bis zum Kauf. Der ganze Trichter aus Suchanfragen, Landingpages und Retargeting schrumpft auf ein Minimum.
Protokolle, die den Handel neu strukturieren
Technisch geschieht diese Revolution durch sogenannte Commerce-Protokolle wie ACP (Agentic Commerce Protocol) oder UCP (Universal Commerce Protocol). Sie verbinden KI-Systeme direkt mit den Backends der Händler. Das bedeutet: Nicht die Website ist das Tor zum Kunden, sondern die Daten-Schnittstelle.
Das verändert Spielregeln fundamental. Früher ging es darum, wie ein Shop aussieht, wie schnell er lädt, wie gut er konvertiert. Jetzt zählt, wie sauber, aktuell und strukturiert die Produktdaten im Feed stehen. Eine KI braucht keine hübsche Landingpage – sie braucht verlässliche Fakten.
Fehlen Lieferinformationen oder Rückgabebedingungen in maschinenlesbarer Form, existiert dein Produkt für den Agenten schlicht nicht. Dein digitaler Schaufensterplatz hängt also nicht mehr von Design ab, sondern von deiner Datenqualität.
Die unterschiedlichen Strategien großer Anbieter
OpenAI verfolgt mit ACP eine Art „geschlossenen Garten“. Alle Transaktionen laufen in der Umgebung von ChatGPT ab. Du erreichst zwar Millionen potenzieller Käufer, verlierst aber oft den direkten Kundenzugriff – keine eigene E-Mail-Liste, keine Wiederkaufssteuerung. Kurz gesagt: Du gewinnst Reichweite, verlierst Beziehung.
Google geht mit UCP einen anderen Weg. Dort liegt der Schwerpunkt auf integrationsfreundlichen Schnittstellen, die dir erlauben, deinen Kundenkontakt zu behalten. Dafür bist du einem extremen Wettbewerb ausgesetzt: In einer KI-Antwort erscheinen maximal drei Produkte, und deine Daten müssen makellos sein, um dort zu landen.
Wenn das Gespräch den Suchschlitz ersetzt
Für Käufer ist dieser Wandel großartig. Sie bekommen objektivere Produktempfehlungen, keine manipulierten Anzeigen. Für Händler jedoch zeichnet sich eine neue Machtverteilung ab. Wenn ChatGPT oder Gemini bestimmen, welche Produkte angezeigt werden, dann entscheiden sie auch über Markterfolg oder -untergang.
Merchants stehen damit vor der Wahl: Entweder du gehst zu Plattformen wie ChatGPT und verzichtest auf Kontrolle, oder du bleibst bei offeneren Systemen – aber kämpfst um Sichtbarkeit. Besonders spannend finde ich den Umgang von Amazon mit dieser Entwicklung. Amazon lebt von seinen Werbeplätzen innerhalb der 14-Klick-Kaufreise. Fällt der Klickpfad weg, schrumpft auch das Werbegeschäft. Deshalb blockiert Amazon viele KI-Crawler, riskiert aber zugleich den Kontakt zu den neuen Shopping-Assistenten.
SEO wird technischer – und ehrlicher
In dieser neuen Handelslogik verändern sich die Aufgaben von SEO grundlegend. Früher wollten wir Aufmerksamkeit. Heute wollen wir Ingestibilität – also, dass unsere Inhalte von KIs verarbeitet, verstanden und vertrauenswürdig eingeordnet werden können.
Das beginnt schon bei den Feeds: Präzise Struktur, vollständige Produktattribute und saubere Schnittstellen ersetzen Designtricks und Keyword-Spamming. Das ist die neue „technische“ SEO. Deine Website ist keine Visitenkarte mehr, sie ist ein Datenknotenpunkt.
Inhalt mit Substanz
Was inhaltlich zählt, ist nicht mehr die Wiederholung populärer Begriffe. KI-Systeme kennen den Konsens schon. Wer noch wahrgenommen werden will, muss Informationsgewinn liefern. Das bedeutet: eigene Forschung, Datensätze, Tests oder Messungen – Dinge, die in keinem Wikipedia-Artikel stehen. Ein Beispiel: Wenn du ein Handy verkaufst und schreibst, es sei „besonders robust“, reicht das nicht. Die KI überprüft, ob du objektive Testdaten hast – etwa Falltests oder Materialanalysen. Nur dann erscheint dein Produkt als „vertrauenswürdig“.
Auch Offpage-Signale verändern ihre Rolle. Backlinks sind weniger Ranking-Booster als Bestätigung der Glaubwürdigkeit. Die Systeme prüfen, ob du auf vertrauenswürdigen Seiten erwähnt wirst, ob echte Nutzer über dich sprechen, ob Bewertungen konkret und nachvollziehbar sind. Emotionale Markenbotschaften weichen messbarer Reputation.
Das Sterben der Marketing-Marken
Vielleicht ist das die härteste Erkenntnis: reine „Marketing-Marken“ werden verschwinden. In einer KI-getriebenen Einkaufskette bleibt kein Platz für Produkte, die nur über Markenimage funktionieren. Maschinen vergleichen Features, Inhaltsstoffe und Haltbarkeit – nicht Hochglanzkampagnen.
In diesem System haben große Player wie Apple oder Nike den Vorteil der Vertrautheit. KI-Modelle sind auf Konsens trainiert und stützen sich auf dominante Quellen. Das führt dazu, dass bekannte Marken häufiger vorgeschlagen werden – nicht unbedingt, weil sie besser sind, sondern weil sie sicherer sind. Das nennt man „Safety Bias“. Ein unbekannter Hersteller fällt oft durchs Raster, weil jede Unsicherheit vermieden werden soll.
Aber diese Voreingenommenheit lässt sich überwinden – durch Tiefe und Präzision. Wer es schafft, extrem genaues, überprüfbares Wissen zu liefern, zwingt das System, ihn zu berücksichtigen. Zum Beispiel: ein kleiner Hersteller von nachhaltigen Sportschuhen veröffentlicht transparente Materialanalysen und Zertifikate. Wenn das im Datensatz sauber hinterlegt ist, taucht dieses Produkt plötzlich dort auf, wo sonst nur Markenriesen stehen.
Was du konkret tun kannst
1. Mach deine Daten strukturiert auffindbar
Pflege jede Produktinformation so, dass sie über Schnittstellen lesbar ist – von Lieferzeiten bis zu Inhaltsstoffen. Denke an dein Produktfeed wie an dein digitales Herzstück.
2. Investiere in überprüfbare Qualität
Veröffentliche Tests, Messwerte, Zertifikate, unabhängige Reviews. Je objektiver deine Daten, desto höher dein Vertrauenswert in KI-Systemen.
3. Überarbeite dein Content-Ziel
Schreibe nicht für Keywords, sondern für Modelle. Sorge dafür, dass dein Text Mehrwert liefert – neue Daten, originelle Perspektiven, echte Quellen.
4. Pflege Glaubwürdigkeit außerhalb deines Kanals
Aktive Kundenerfahrungen, unabhängige Erfahrungsberichte und Erwähnungen auf Drittseiten sind das neue Gold. Sie stützen deine Reputation, wenn KI-Agenten dein Markenprofil prüfen.
Meine persönliche Einschätzung
Manchmal wirkt das alles etwas düster, weil so viel Automatisierung in den Vordergrund tritt. Aber ehrlich gesagt: Ich sehe darin eine große Chance. Marketing kehrt zu seinem Ursprung zurück – zur Wahrheit über das Produkt. Wer wirklich guten Service und echte Qualität bietet, hat erstmals seit über einem Jahrzehnt die Möglichkeit, organisch und fair sichtbar zu werden.
Alles dreht sich jetzt um Vertrauen, Struktur und Substanz. Wenn du dir das bewusst machst und konsequent umsetzt, wirst du auch im „Agentic Commerce“ nicht vom Algorithmus ersetzt, sondern davon getragen.
Am Ende gilt: Suchmaschinen waren das Tor zur Aufmerksamkeit. KI ist das Tor zur Glaubwürdigkeit – und wer glaubwürdig ist, wird immer gefunden.