Wenn man in die aktuellen Quartalszahlen von Google eintaucht, wird schnell klar, dass sich das Unternehmen mitten in einem tiefgreifenden Wandel befindet. Es geht längst nicht mehr nur darum, Suchanfragen zu beantworten – vielmehr darum, wie Künstliche Intelligenz (KI) das Nutzerverhalten verändert, neue Umsatzmodelle ermöglicht und gleichzeitig alte Strukturen infrage stellt. Dabei wächst Googles Suchgeschäft rasant: Im vierten Quartal 2025 stieg der Umsatz um beeindruckende 17 % auf 63 Milliarden US‑Dollar. Doch hinter dieser Zahl steckt weit mehr als ein finanzieller Erfolg – sie ist ein Signal, wie sich die Suchlandschaft in Richtung „AI Mode“ neu formiert.
Suchverhalten im Wandel: Die Ära des AI Mode
In den vergangenen Monaten hat Google damit begonnen, seine klassische Suche um eine KI‑gestützte Variante zu erweitern – den sogenannten AI Mode. Laut CEO Sundar Pichai zeigt sich dabei ein deutlich verändertes Verhalten der Nutzer. Die Suchanfragen im neuen Modus sind im Schnitt drei Mal länger als herkömmliche Suchanfragen. Außerdem bleiben die Menschen länger in der Suche selbst, stellen mehr Rückfragen und interagieren tiefergehend mit den Ergebnissen.
Wenn du selbst einmal ein AI‑Ergebnis ausprobiert hast, wirst du merken, dass es ganz anders funktioniert als klassische Resultate: Es fühlt sich eher an wie ein Gespräch. Du stellst eine Frage und bekommst eine Antwort, die du direkt weiterentwickeln kannst. Genau dieses interaktive Format scheint das Nutzungserlebnis massiv zu verändern. Pichai sagt dazu, dass sich die täglichen Anfragen im AI Mode seit dem Start in den USA sogar verdoppelt hätten. Aus meiner Sicht ist das ein Hinweis darauf, dass Nutzer die neue Form der Suche nicht nur akzeptieren, sondern aktiv bevorzugen – ein gutes Zeichen für Googles langfristige Strategie.
Neue Einnahmemodelle: Werbung im AI Mode
Spannend ist, dass Google bereits testet, wie sich mit dieser neuen Art der Suche Werbung integrieren lässt. Der bisherige Plan: Anzeigen, die unterhalb der AI‑Antwort erscheinen. Damit würde Werbung nicht verdrängend wirken, sondern sich logisch an den Informationsfluss anschließen. In ersten Pilotprogrammen untersucht Google, wie diese Platzierung auf Nutzer wirkt – ob sie als störend empfunden wird oder als hilfreiche Ergänzung.
Darüber hinaus experimentiert das Unternehmen mit einem neuen Format namens „Direct Offers“. Dieses System erlaubt es Händlern, direkt im Kontext der AI‑Antwort spezielle Angebote einzublenden – etwa Rabatte oder exklusive Aktionen, die direkt in der Anzeige aktiviert werden können. Das bedeutet, dass du als Suchender möglicherweise bald in der AI‑Antwort schon einen Kauf abschließen kannst, ohne Google überhaupt zu verlassen.
Das Ziel dahinter ist klar: Wenn Menschen im AI Mode längere, komplexere Suchanfragen stellen, entsteht für Google neuer Werberaum. Philipp Schindler, Chief Business Officer, sprach davon, dass Gemini – das aktuelle KI‑System hinter Googles Suche – besser verstehe, was die Nutzer eigentlich wollen, und dadurch relevante Anzeigen auf bisher schwer monetarisierbare Suchanfragen liefern könne. Ich finde das bemerkenswert, weil hier aus längeren Gesprächen neue Erlöskanäle entstehen, statt dass sich der Traffic auf andere Plattformen verteilt.
Ein Dämpfer bei YouTube
Trotz der Rekordzahlen im Suchbereich gab es einen kleineren Rückschlag: YouTube blieb hinter den Erwartungen. Zwar wuchs der Werbeumsatz um 9 % auf 11,38 Milliarden US‑Dollar, Analysten hatten jedoch etwas mehr erwartet. Laut Schindler lag das vor allem daran, dass im Vergleichsquartal 2024 noch durch Wahlkampagnen in den USA außergewöhnlich hohe Budgets geflossen waren. Dieses sogenannte „Election Lapping“ hat in der aktuellen Periode gefehlt.
Ein weiterer interessanter Punkt: YouTube selbst verdient zwar an Abonnenten, verliert dadurch aber Werbeeinnahmen. Wenn also immer mehr Nutzer auf YouTube Premium umsteigen, verschiebt sich der Umsatz – weniger Werbegelder, dafür steady Einnahmen aus Abos. Das ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel für die strategische Zwickmühle, in der Google steckt: zwischen kurzfristiger Werbemarge und langfristiger Kundenbindung.
Das größere Bild: Cloud, KI und Investitionen
Neben der Suche und YouTube spielt auch Googles Cloud‑Sparte eine zunehmend zentrale Rolle. Mit einem Wachstum von 48 % auf 17,7 Milliarden US‑Dollar zeigt sich, dass KI‑basierte Infrastruktur‑Services gefragt sind wie nie. Besonders auffällig: Alphabet – also die Muttergesellschaft – plant für 2026 Kapitalausgaben von bis zu 185 Milliarden US‑Dollar, fast doppelt so viel wie 2025. Das ist ein deutlicher Fingerzeig, dass der Konzern auf Expansion und technologische Offensive setzt. Aus meiner Perspektive ist das eine Wette darauf, dass KI nicht nur ein Trend bleibt, sondern das Fundament für alle zukünftigen Produkte wird – von der Suche bis hin zu Cloud‑Services und Unternehmenslösungen.
Die Kernfrage: Verliert das Web Traffic an Google?
Eines der meistdiskutierten Themen ist, ob AI‑basierte Antworten Referral Traffic – also Weiterleitungen zu Websites – verringern. Viele Publisher und SEOs fürchten, dass Google Inhalte künftig direkt beantwortet und weniger Klicks auf externe Seiten leitet. Interessant ist, dass Pichai diesen Sorgen widersprach: Bislang habe man keine Hinweise auf eine „Kannibalisierung“ der Suchergebnisse. Im Gegenteil – die neuen KI‑Funktionen würden das gesamte Suchvolumen ausweiten und neue Arten von Anfragen ermöglichen.
Ich bin da vorsichtig optimistisch. Zwar stimmt es, dass die Nutzer insgesamt mehr und längere Suchen durchführen, aber die Frage bleibt: Kommt dieser Zuwachs den Inhalteanbietern zugute? Wenn die Ergebnisse bereits vollständig in Googles Oberfläche beantwortet werden, könnte der Traffic an die eigentlichen Quellen sinken. Jeder, der eine Website betreibt oder Inhalte produziert, sollte daher künftig noch genauer die eigenen Analysedaten beobachten. Nur so lässt sich einschätzen, wie stark sich der AI Mode auf die tatsächlichen Besucherzahlen auswirkt.
Beispielhafte Auswirkungen auf SEOs und Advertiser
Für jemanden, der mit Suchmaschinenoptimierung oder Performance Marketing arbeitet, bedeutet der Wandel zweierlei: Einerseits eröffnen sich neue Chancen – weil mehr Suchbegriffe vorkommen, die vorher gar nicht existierten. Andererseits verschiebt sich das Spielfeld. Inhalte müssen stärker kontextbezogen und semantisch strukturiert werden, damit KI‑Systeme wie Gemini sie richtig interpretieren können. Man könnte fast sagen, SEO wird nun zu einer Art „AEO“ – also Answer Engine Optimization. Ziel ist nicht mehr nur, auf Seite 1 zu ranken, sondern in der Antwort des Modells selbst stattzufinden.
Ähnlich gilt das für Werbetreibende. Wer künftig in AI Mode Anzeigen schalten will, muss verstehen, wie Nutzerfragen formuliert sind und welche Absichten (Intents) dahinter stehen. Die Google‑Daten zeigen, dass längere, beschreibendere Suchanfragen häufiger vorkommen. Das zwingt Kampagnenstrategen dazu, Keywords nicht mehr starr zu wählen, sondern auf konversationsähnliche Kombinationen zu reagieren. So verschmilzt klassisches Suchmarketing zunehmend mit KI‑gestütztem Sprach‑ und Kontextverständnis.
Was wir aus den aktuellen Zahlen lernen
Wenn man das Jahr 2025 rückblickend betrachtet, zeigt sich eine klare Linie. Im ersten Quartal lag das Wachstum der Suche noch bei 10 %, im zweiten bei 12 %, im dritten bei 15 % – und jetzt 17 %. Diese kontinuierliche Steigerung korreliert stark mit der Ausweitung der AI‑Funktionen. Google behauptet also nicht nur, dass KI die Nutzung ankurbelt – die Bilanz belegt es.
Aus meiner Erfahrung in der Digitalbranche sehe ich darin ein Signal: Nutzer wollen mehr Unterstützung, mehr Kontext, schnellere Ergebnisse. Gleichzeitig erkennen Unternehmen, dass sie dort präsent sein müssen, wo die KI die Antworten generiert. Wer sich diesen Wandel zu eigen macht, kann davon profitieren. Aber es wird anspruchsvoller, denn Content‑Formate, Metriken und Strategien müssen sich an eine neue Suchlogik anpassen.
Meine Einschätzung: Expansion mit Fragezeichen
Ich bin überzeugt, dass Google selbst aktuell eine „expansive Phase“ erlebt, wie Pichai es nannte – das System wächst in Tiefe und Breite. Aber wer die Digitalisierung der letzten zwei Jahrzehnte verfolgt hat, weiß: Phasen schneller Expansion bringen immer eine Neubewertung bestehender Modelle mit sich. Früher oder später wird die Balance zwischen Nutzerkomfort, Werbewirkung und Verleger‑Interessen ein zentrales Thema.
Noch sehen wir vor allem positive Effekte für Google selbst: mehr Suchvolumen, längere Anfragen, neue Anzeigenformate. Doch die eigentliche Bewährungsprobe kommt erst, wenn diese Expansionswelle auf die Realität des offenen Webs trifft. Werden Websites weiterhin genügend Besuch bekommen? Werden kleine Unternehmen die Ressourcen haben, um in AI‑Antworten sichtbar zu bleiben? Das sind Fragen, die die Zukunft dieses Ökosystems definieren werden.
Ein Blick nach vorn
Was lässt sich also aus all dem ableiten? Google steht an einem Punkt, an dem klassische Suchergebnisse und KI‑Ergebnisse verschmelzen. Das Unternehmen will nicht mehr nur Antworten liefern, sondern ganze Nutzerreisen gestalten – von der ersten Frage bis zum möglichen Kaufabschluss. Mit den hohen Investitionen in Infrastruktur und KI‑Modelle zeigt Alphabet, dass es diese Zukunft langfristig sichern will.
Für uns als Nutzer, Marketer oder Analysten bedeutet das: Wir erleben einen Umbruch. Der AI Mode wird sich Schritt für Schritt in alle Bereiche der Suche einnisten – und damit verändern, wie Wissen verteilt, wie Werbung gesehen und wie Erfolg gemessen wird. Die aktuelle Finanzlage zeigt deutlich, dass Google diesen Weg wirtschaftlich stemmen kann. Ob er auch das offene Internet stärkt, bleibt offen.
Am Ende bleibt mein Eindruck: Google hat mit der Integration von KI den größten Wandel seiner Unternehmensgeschichte eingeleitet. Der Erfolg im Suchgeschäft zeigt, dass der Weg funktioniert – vorerst. Doch was dieser Wandel für das restliche Web bedeutet, werden die nächsten Quartale zeigen. Wenn sich ein Muster abzeichnet, dann das: Je mehr KI ins Spiel kommt, desto stärker verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen Suchmaschine, Nutzer und Content‑Schaffenden. Und genau das macht die Zukunft der Suche so spannend – und so ungewiss.