Ich hatte kürzlich ein spannendes Gespräch mit Jesse Dwyer von Perplexity über die Zukunft von SEO und die wachsende Rolle von AI‑Suche. Seine Antworten waren erstaunlich ehrlich und öffneten mir einige neue Perspektiven. Vor allem wurde mir klar: Wir stehen gerade an einem Wendepunkt – die klassische Suchmaschinenoptimierung (SEO) funktioniert zwar noch, aber sie reicht allein nicht mehr aus.
Wenn zwei Nutzer dieselbe Frage stellen – und trotzdem unterschiedliche Antworten bekommen
Früher war Suchmaschinenoptimierung fast wie Schach – ein statisches Spiel mit festen Regeln. Du konntest Suchbegriffe recherchieren, deine Seiten optimieren und relativ sicher sein, dass alle Nutzer für denselben Suchbegriff ähnliche Ergebnisse sahen. Die AI‑Suche ändert das komplett. Laut Jesse liegt das an der Personalisierung – und die ist heute nicht mehr einfach ein paar gespeicherte Cookies oder Surfverläufe, sondern ein echtes Verständnis der Nutzer durch KI‑basierte Systeme.
Wenn du also und ich denselben Suchbegriff eingeben, kann die KI auf Grundlage unseres bisherigen Nutzerverhaltens, unserer Interessen oder sogar unseres Schreibstils völlig unterschiedliche Antworten generieren. Das heißt: Suchergebnisse sind nicht mehr universal, sondern individuell. Ökonomisch gesprochen: Die Aufmerksamkeit verteilt sich nicht mehr auf zehn Plätze auf Seite eins, sondern auf Millionen mikro‑personalisierte Ergebnisse.
Spannend ist aber, dass unter der Haube vieles gleich bleibt. Perplexity nutzt zum Beispiel ein System, das auf einer Art PageRank basiert – also einem Verfahren, das Verlinkungen zwischen Webseiten bewertet. Backlinks, Autorität, technische Qualitätsfaktoren – all das bleibt wichtig, um überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Doch wie die KI diese Inhalte später kombiniert oder zitiert, folgt ganz neuen Mechanismen.
Von der ganzen Seite zum winzigen Ausschnitt – wie AI‑Suche wirklich denkt
Was mich besonders faszinierte, war Jesses Erklärung zur Funktionsweise der sogenannten sub‑dokumentaren Indexierung. Während klassische Suchmaschinen komplette Webseiten in ihren Index aufnehmen, zerlegen Systeme wie Perplexity oder ChatGPT die Inhalte in winzige Informationshäppchen – oft nur zwei bis vier Wörter, sogenannte Snippets. Diese Schnipsel repräsentieren die Bedeutung des Textes in Zahlen – jeder Begriff wird in einen mehrdimensionalen Vektor übersetzt. Das klingt technisch, ist aber der Kern dessen, was moderne AI‑Suche so anders macht.
Wenn du dann eine Frage stellst, zieht die KI nicht einfach die zehn besten Treffer aus der Datenbank, sondern füllt ihren „Kontext‑Speicher“ mit zehntausenden dieser relevanten Schnipsel. Ein durchschnittliches Sprachmodell kann momentan etwa 130.000 Tokens gleichzeitig verarbeiten – also ungefähr 26.000 kleine Texteinheiten. Die Idee dahinter: Wenn dieser Speicher optimal gefüllt ist, bleibt kein Raum mehr für sogenannte Halluzinationen – also Fehler und Fantasieantworten. Das Modell liefert dann präzise, belegte Informationen.
Das erklärt auch, warum AI‑Suchergebnisse auf Perplexity oder GPTs qualitativ so unterschiedlich ausfallen können. Manche Systeme greifen noch auf ganze Dokumente zu und fassen sie zusammen (das nennt man Generative Engine Optimization – kurz GEO), während andere – wie Perplexity – gezielter in die Tiefe gehen, indem sie die kleinsten Informationseinheiten selbst gewichten (Answer Engine Optimization – AEO).
Warum das alles nicht nur für Technikfans wichtig ist
Aus meiner Sicht ist das ein echter Paradigmenwechsel für Marketer und SEOs. Früher hast du versucht, mit einer optimierten Seite möglichst weit oben zu ranken. Heute musst du sicherstellen, dass jede Aussage, jeder Absatz und sogar jeder Satz für sich stehen kann – denn genau diese Mikroteile deines Inhalts können später als Wissensbaustein im KI‑Kontextfenster auftauchen. Es reicht also nicht mehr, einfach ein gutes Ranking zu erzielen. Du musst dafür sorgen, dass dein Content im kleinsten Detail verständlich und eindeutig ist.
Ein Beispiel: In klassischen SERPs (Search Engine Results Pages) hätte ein ausführlicher Artikel über die besten Kameras 2026 vielleicht auf Platz drei gestanden. In einer AI‑Antwort erscheint aber womöglich nur ein Satz daraus – einer, der sich besonders klar formulieren lässt. Dieser Satz wird dann sinngemäß in den KI‑Output integriert, oft ohne sichtbaren Link zum Originaltext. Das verändert massiv, wie Sichtbarkeit funktioniert.
SEO bleibt – aber es sieht jetzt völlig anders aus
Ich habe Jesse gefragt, ob man also sagen könne, dass AI‑Search die klassische Liste der Top‑10‑Ergebnisse ersetzt. Seine Antwort war knapp, aber eindeutig: „Ja, das stimmt.“
Es ist also an der Zeit, anders über SEO zu denken. Die Grundlagen – indexierbare Seiten, technische Sauberkeit, sinnvolle Verlinkungen – bleiben die Eintrittskarte. Doch wer auffallen will, muss sein Wissen so aufbereiten, dass es als präzises Puzzleteil in den Wissenspool der KI passt. Struktur, Klarheit, semantische Tiefe – das sind die neuen Rankingfaktoren.
Hinzu kommt ein spannender Aspekt: Diese Systeme arbeiten mit verschiedenen Strategien wie modulierter Rechenleistung, intelligenter Query‑Umformung und proprietären KI‑Modellen, die helfen, die relevantesten Schnipsel zu finden. Das ist die eigentliche „Magie“ zwischen Datenbank und Answer Engine. Für uns SEOs heißt das: Wir müssen verstehen, wie Maschinen Bedeutung lesen, nicht nur Keywords zählen.
Was du konkret daraus mitnehmen kannst
- Denke in Einheiten der Bedeutung, nicht in Seiten. Jeder Abschnitt deines Textes sollte eine eigene kleine „Antwort“ sein.
- Setze auf klare Syntax, konkrete Begriffe und semantische Dichte. Die AI braucht eindeutige Stücke, die sie sicher einordnen kann.
- Baue Vertrauen auf: Backlinks, Autorenprofile, Quellen‑Transparenz – sie alle fließen als Kontext in die Bewertung ein.
- Experimentiere mit KI‑gestützten Suchtools, um zu sehen, wie dein Content dort erscheint. Du erkennst, welche Absätze „ziehen“ und welche im Nirwana verschwinden.
Ich persönlich empfinde diesen Wandel weniger als Bedrohung, sondern eher als spannende Evolution. Früher optimierten wir für Regeln, jetzt optimieren wir für Verstehen. Die Suchmaschine wird endlich zu dem, was sie immer sein sollte – ein echtes Antwortsystem, das versucht, deine Intention zu begreifen, statt nur Zeichenketten zu vergleichen.
Die Zukunft der Suche: Antworten statt Ergebnisse
Wenn ich bedenke, wie schnell diese Entwicklung voranschreitet, bin ich überzeugt: In wenigen Jahren werden die meisten Suchanfragen nicht mehr in Form von Ergebnislisten enden, sondern in Dialogen. Du fragst, die KI antwortet – basierend auf Millionen winziger Wissenselemente aus dem Internet. Webseiten bleiben wichtig, aber eher als Ressourcen‑Reservoire statt als Zielseiten.
Für Content‑Strategen bedeutet das: Wir müssen unser Denken ändern. Nicht fragen, wie wir Klicks generieren, sondern wie wir Wissen liefern, das zitierfähig ist – maschinell und menschlich. „Antwortoptimierung“ klingt futuristisch, aber genau das ist die neue Kunst: Texte so zu schreiben, dass sie für Menschen lesbar und für Maschinen nutzbar sind.
Was mir an Jesses Ausführungen besonders gefallen hat, ist diese Ehrlichkeit: Die Technologie verändert nicht nur die Methoden, sondern das ganze Fundament unseres Berufes. SEO war immer analytisch und regelbasiert. AEO dagegen ist kontextuell und dynamisch. Das mag anstrengend wirken, aber wenn du einmal begreifst, wie diese Systeme funktionieren, eröffnet es dir ungeahnte kreative Freiheiten.
Mein Fazit
Ich glaube, es ist Zeit, SEO neu zu definieren. Vergiss die Vorstellung eines Rankings, das für alle gleich ist. Stell dir stattdessen ein riesiges neuronales Netzwerk vor, das jeden deiner Inhalte in mikroskopische Leuchtpunkte zerlegt – und in Echtzeit auswählt, welcher davon gerade relevant ist. Genau dorthin bewegen wir uns.
Aus meiner Erfahrung heißt das nicht, dass alte Methoden wertlos werden. Sie sind das Fundament. Aber darüber entsteht eine zweite Ebene, die mehr mit Sprache, Bedeutung und Vertrauen zu tun hat als mit Meta‑Tags oder Keyworddichte. Das wiederum macht unseren Beruf – ehrlich gesagt – wieder aufregend.
Die AI‑Suche zwingt uns alle dazu, wieder das zu tun, was wir eigentlich immer wollten: Inhalte zu schaffen, die wirklich Antworten geben.