Wenn man die letzten Entwicklungen rund um Google etwas genauer beobachtet, erkennt man, dass sich in Sachen Discover einiges getan hat. Google hat seine Empfehlungen überarbeitet – und das nicht zufällig gleichzeitig mit einem neuen Core-Update. Es geht diesmal weniger um technische Feinheiten, sondern stärker um die Qualität des Erlebnisses, das Nutzer mit Inhalten haben. Und, ehrlich gesagt, auch ein bisschen um den Umgangston zwischen Publishern und Lesern.
Was sich geändert hat
Google hat in seiner überarbeiteten Dokumentation die Richtlinien für Inhalte, die in Discover erscheinen können, neu formuliert. Der wichtigste Punkt zuerst: Die Suchmaschine hat den Aspekt der Page Experience – also die allgemeine Nutzererfahrung mit einer Seite – aufgenommen. Das ist bemerkenswert, weil Google diesen Begriff normalerweise im Zusammenhang mit der Websuche verwendet, nicht mit Discover. Die Empfehlung ist klar: Wer auf den Empfehlungsflächen in Discover sichtbar sein will, sollte auch dort eine rundum positive Nutzererfahrung bieten. Das umfasst alles – von Ladezeiten bis hin zur Lesbarkeit.
Darüber hinaus hat Google bei den Textempfehlungen seine Sprache verschärft. Früher hieß es sinngemäß: „Verwende aussagekräftige Titel, aber vermeide Taktiken, die künstlich Interaktion erzwingen.“ Jetzt wird das Ganze deutlicher – Google nennt Clickbait beim Namen. Es reicht also nicht mehr, einfach „keine irreführenden Taktiken“ zu verwenden – Google erwartet aktiv, dass Herausgeber sich von Sensationslust und Übertreibung distanzieren.
Gleichzeitig hat Google diese Hinweise aufgeteilt: Einerseits soll der Titel den wesentlichen Kern des Inhalts erfassen; andererseits wird ausdrücklich davor gewarnt, Engagement durch Tricks zu erzwingen. Das wirkt auf den ersten Blick banal, zeigt aber, dass Google den Unterschied zwischen ehrlichem Interesse und manipulativer Aufmerksamkeitssteuerung immer schärfer zieht.
Sensationslust: jetzt offiziell „Sensationalismus“
Auch hier wurden die Formulierungen spitzer. Früher hieß es, man solle sich von Inhalten fernhalten, die „morbide Neugier oder übertriebene Empörung ansprechen“. Jetzt steht im Text: „Vermeide Sensationalismus-Taktiken“. Das mag wie ein kosmetischer Eingriff wirken, aber die Nennung des Begriffs ist ein Signal an alle Content-Produzenten: Google will Inhalte, die informieren, nicht triggern.
Page Experience: das neue Gewicht
Neu in der Liste ist der Punkt „Biete eine insgesamt großartige Seitenerfahrung“. Klickt man auf den Verweis, landet man bei der ausführlichen „Page Experience“-Dokumentation, die Dinge wie Core Web Vitals, Mobilfreundlichkeit und Sicherheit behandelt. Interessant ist, dass Discover bisher nicht als Bereich galt, in dem diese Faktoren eine große Rolle spielen. Mit dieser Ergänzung vertieft Google die Idee, dass qualitativ hochwertige Inhalte auch technisch sauber umgesetzt sein müssen.
Alle anderen Bereiche – also Bildrichtlinien, Hinweise zum Traffic-Verhalten oder Daten zur Performance-Messung – sind gleich geblieben. Der Fokus liegt ganz offensichtlich auf der inhaltlichen und emotionalen Tonalität sowie auf dem Nutzererlebnis selbst.
Warum das relevant ist
Google baut Discover seit Jahren leise, aber konsequent zu einer Art personalisierter Startseite aus. Millionen Nutzer bekommen dort Inhalte angezeigt, ohne nach ihnen zu suchen. Wenn du als Website-Verantwortlicher dort auftauchst, kann das bedeuten, dass sich dein Traffic plötzlich verdoppelt oder halbiert – ohne, dass du auf klassische Rankings Einfluss nehmen kannst.
Diese Änderungen passen genau zu den Zielen des jüngsten Discover Core Updates. Google hat angekündigt, künftig lokal relevantere und authentischere Inhalte stärker zu pushen, während Clickbait und überzogene Berichterstattung weniger Sichtbarkeit bekommen. Gleichzeitig sollen Inhalte bevorzugt werden, die von erfahrenen, glaubwürdigen Quellen stammen.
Man könnte sagen: Wer in den letzten Jahren mit emotional aufgeladenen Überschriften punkten konnte, sollte jetzt umdenken. Qualität ersetzt Schlagzeile. Und für alle, die ohnehin auf redaktionelle Sorgfalt setzen, ist das eigentlich eine gute Nachricht. Ich selbst habe mehr als einmal erlebt, dass saubere Texte zwar etwas langsamer „zünden“, aber am Ende immer stabiler gefunden werden – und genau das scheint Google jetzt belohnen zu wollen.
Die Geschichte wiederholt sich
Das ist übrigens nicht das erste Mal, dass Google seine Discover-Dokumentation parallel zu einem Update überarbeitet. Schon 2022 wurde Discover in das Helpful Content System aufgenommen, später kamen weitere Erklärungen zur Entstehung und Veränderung von Discover-Traffic dazu. Jedes Mal folgte kurz darauf eine Kernanpassung, bei der Google die Art der angezeigten Inhalte justierte.
Auffällig ist dabei, dass Discover zunehmend als ein eigenes Ökosystem behandelt wird – fast wie „Google News light“, aber direkter und persönlicher. Das System bewertet keine Keywords, sondern Absichten. Umso wichtiger wird die inhaltliche Integrität – Google braucht Signale, die die Qualität nicht nur formal, sondern menschlich beschreiben.
Was bedeutet das für dich als Publisher?
Wenn du Inhalte veröffentlichst, die auch über Discover ausgespielt werden könnten, solltest du dir drei Dinge jetzt ganz genau anschauen:
- Titelstruktur und Tonfall: Titel sollten der Wahrheit verpflichtet bleiben, statt zu emotionalisieren. Je natürlicher, desto besser. Google scheint mittlerweile deutlich sensibler darauf zu reagieren, wenn der Titel ein Versprechen macht, das der Artikel nicht hält.
- Inhaltliche Glaubwürdigkeit: Expertise, Transparenz und journalistische Verantwortung sind zentrale Faktoren. Seiten, die erkennbar Fachwissen vermitteln, haben deutlich bessere Chancen, dauerhaft in Discover zu erscheinen.
- Technische Sauberkeit: Eine stabile, schnelle Seite mit sicherer Verbindung, korrekter Struktur und klarer Darstellung ist essenziell – selbst wenn du bisher keine technischen Probleme hattest. Der neue Punkt zur Page Experience kann ein direkter Rankingfaktor für Discover werden.
Und ja, es lohnt sich, regelmäßig in die Google Search Console zu schauen. Dort lässt sich nachvollziehen, wie hoch der Anteil des Discover-Traffics ist und welche Artikel besonders oft ausgespielt wurden. Wer Muster erkennt, kann daraus gezielt lernen – oder eben Fehler vermeiden.
Was als Nächstes passiert
Das aktuelle Discover Core Update läuft zunächst zwei Wochen lang für englischsprachige Nutzer in den USA. Danach will Google die neuen Signale schrittweise weltweit ausrollen. Dass der Prozess so gestaffelt ist, ist typisch: Google beobachtet erst, wie sich die Änderungen in einem kontrollierten Umfeld verhalten, bevor sie global aktiviert werden.
Ich rechne damit, dass sich die Traffic-Zahlen vieler Publisher in dieser Zeit deutlich verändern werden – teils nach oben, teils nach unten. Die, die konsequent auf Qualität und Relevanz gesetzt haben, dürften langfristig profitieren. Wer hingegen auf schnelle Klicks und emotionale Überschriften gesetzt hat, wird mindestens Anpassungen spüren.
Ein kleiner Ausblick
Entscheidend wird sein, wie Google „lokale Relevanz“ und „Originalität“ künftig gewichtet. Wenn also ein Medium aus München über ein Thema berichtet, das in Berlin spielt, könnte es künftig gegen einen Berliner Anbieter mit ähnlicher Qualität verlieren. Das stärkt regionale Stimmen, birgt aber die Gefahr, dass internationale Perspektiven seltener auftauchen. Ein gutes Gleichgewicht zu finden, wird schwierig – aber vermutlich genau das Ziel von Google.
Zusammengefasst zeigt die Aktualisierung: Discover reift. Es ist längst kein Zufalls-Feature mehr, sondern eine hochdynamische, kuratierte Plattform, die ähnliche Qualitätsmaßstäbe ansetzt wie die klassische Suche. Wer in diesem Umfeld bestehen will, muss verstehen, dass Technik, Inhalt und Ethik gemeinsam zählen.
Aus meiner Sicht ist das der richtige Weg. Es ist kein Angriff auf Kreativität oder Reichweite – im Gegenteil. Es ist der Versuch, Vertrauen wieder zur Währung des Internets zu machen. Und das ist doch genau das, was gutes Publizieren am Ende ausmacht.