Viele große Webseiten haben Anfang 2026 deutliche Einbrüche in ihrer organischen Sichtbarkeit erfahren. Besonders betroffen waren Blogs und Content‑Bereiche, die bislang als starke Traffic‑Treiber galten. Auf den ersten Blick scheint das ein klassisches Beispiel für ein Algorithmus‑Update zu sein – doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich etwas Neues: Diese Veränderungen schlagen auch auf die AI‑Suche durch. Wer in Google verliert, verliert offenbar auch an Sichtbarkeit in den Antworten von KI‑Systemen.
Ein Algorithmus‑Update mit Folgen
Im Januar 2026 zeigte sich ein bislang nicht bestätigtes Google‑Update, das große Marken-Webseiten teilweise empfindlich traf. Analysen mit dem Sistrix‑Sichtbarkeitsindex offenbaren eine klare Linie: Die Blog‑ oder Knowledge‑Verzeichnisse sind im freien Fall, während andere Unterordner der Domains weitgehend stabil bleiben. Diese Updates scheinen weniger auf technische Fehler zu zielen, sondern auf Content‑Qualität, Relevanz und vielleicht auch Überoptimierung.
Aus meiner Erfahrung bedeutet das: Google schraubt zunehmend an der Gewichtung von Themenautorität und Nutzwert. Und genau da wird es interessant, wenn man den Blick auf die AI‑Suche richtet – also jene Antworten, die Google in „AI Mode“ oder Gemini liefert, aber auch ChatGPT und Perplexity.
Die Idee: Spiegeln sich Ranking‑Verluste in AI‑Antworten?
Mich hat interessiert, ob ein Rückgang in der organischen Sichtbarkeit direkt auch weniger AI‑Citations bedeutet – also weniger Quellenverweise in den Antworten von Chatbots und generativen Suchsystemen. Die Hypothese war simpel: Wenn Google die eigenen Rankings neu bewertet, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass genau diese Inhalte in AI‑Antworten eingebaut werden.
Theoretisch gilt das zumindest für Googles eigene Ökosysteme – AI Mode und Gemini greifen nämlich höchstwahrscheinlich auf den Google‑Index und die obersten Suchergebnisse zurück. Fallen diese Rankings weg, verliert die Seite dementsprechend Erwähnungen in AI‑Antworten.
Bei Systemen wie ChatGPT oder Perplexity ist die Verbindung weniger klar, da sie teils andere APIs oder eigene Crawler wie PerplexityBot nutzen. Es kursieren zwar Hinweise darauf, dass ChatGPT zur Beantwortung von Live‑Abfragen Google‑Ergebnisse scrapt, offiziell bestätigt wurde das jedoch nie. Perplexity soll seine Resultate hauptsächlich aus dem Brave Search Index beziehen.
Trotzdem stellt sich die Frage: Wenn sich ein signifikanter Trend bei Google zeigt – könnten ähnliche Muster in diesen Tools vorkommen?
Methodik und Datenbasis
Ich habe elf große Domains ausgewählt, deren Unterordner – meist Blogs oder Ressourcenseiten – seit Mitte Januar dramatische Rückgänge zeigten. Mithilfe der Ahrefs‑Daten wurde das globale monatliche Suchvolumen je Unterordner ermittelt, anschließend die Entwicklung von AI‑Citations über denselben Zeitraum.
Die Ergebnisse wurden anonymisiert, es ging mir nicht darum, Schuldige zu finden, sondern um das Muster selbst. Die organischen Verluste bewegten sich zwischen −5 % und −53 %. Im zweiten Schritt wurden die Erwähnungen – also Zitationen – in verschiedenen AI‑Suchsystemen verglichen: Google AI Mode, ChatGPT, Perplexity und Gemini.
Deutliche Parallelen zwischen SEO und AI‑Sichtbarkeit
Das Resultat war bemerkenswert einheitlich. Ausnahmslos alle elf geprüften Unterverzeichnisse hatten in kurzer Zeit sowohl bei den organischen Rankings als auch in den AI‑Citations verloren. Durchschnittlich sanken die Nennungen in AI‑Antworten um −22 %.
Die stärksten Rückgänge zeigten sich bei:
- AI Mode: –23,8 %
- ChatGPT: –27,8 %
- Gemini: –etwa –10 %
- Perplexity: nur –2,9 %
Hier zeigt sich klar: Die Systeme des Google‑Universums und sogar ChatGPT reagieren fast parallel zu organischen Ranking‑Moves. Perplexity hingegen scheint eine eigenständige Quelle zu haben – seine Kurve blieb größtenteils stabil oder zeigte sogar leichte Zuwächse.
Warum ChatGPT so stark betroffen ist
Dass ChatGPT eine fast identische Reaktion wie Google AI Mode zeigt, wirkt auf den ersten Blick verwirrend. Doch wahrscheinlich nutzt ChatGPT in vielen Fällen Google‑Daten indirekt – etwa durch Scraper von Drittanbietern oder das Abrufen von Live‑Snippets. Manche Fachleute sprechen von einer „verdeckten Abhängigkeit“: Selbst wenn OpenAI keinen offiziellen Google‑Zugang bestätigt, spiegelt der Inhalt der Antworten oftmals das Ranking‑Bild wider, das man auf der herkömmlichen Google‑SERP beobachten kann.
Gemini wiederum arbeitet offenbar etwas anders. Der Rückgang dort war sanfter, was darauf hindeutet, dass dieses System teilweise auf gespeicherte Knowledge Panels oder ältere Indexversionen zurückgreift, statt auf die tagesaktuellen SERPs.
Perplexity als interessanter Ausreißer
Der einzige echte Ausreißer in dieser Untersuchung war Perplexity: Statt Rückgängen verzeichneten sieben der elf analysierten Seiten sogar leichte Zuwächse ihrer Erwähnungen. Das bestätigt den Verdacht, dass Perplexity – anders als die anderen LLMs – nicht primär auf Google angewiesen ist. Dafür spricht auch, dass SEM‑Daten und Backlink‑Profile dort kaum Einfluss zeigen.
Für Content‑Teams ist das eine spannende Perspektive: Wer sich langfristig unabhängiger von Google machen will, sollte den Brave‑Index und alternative Crawling‑Mechanismen im Auge behalten.
Was die Ergebnisse nahelegen
Wenn man die Kurven von organischem Traffic und AI‑Citations nebeneinanderlegt, ergibt sich eine fast deckungsgleiche Bewegung – zumindest für Google‑abhängige Systeme. Sinkt die SEO‑Performance eines Unterordners, verschwinden auch seine Quellen‑Links in AI‑Antworten. Damit verstärkt sich ein Effekt, den man als doppelte Sichtbarkeitsverlustschleife bezeichnen könnte: weniger Ranking → weniger Zitationen → weniger Reichweite und Vertrauen → erneut schwächere Rankings.
Interessanterweise betrifft das selbst übergeordnete Marken, die in den letzten Jahren starke Autorität aufgebaut hatten. Blogartikel, die früher zuverlässig als Quelle in AI‑Anzeigen auftauchten, wurden plötzlich ersetzt – meist durch neutrale Lexika oder kleinere, aber thematisch fokussierte Seiten.
Die praktische Konsequenz ist eindeutig: SEO und AEO (AI Experience Optimization) sind keine getrennten Disziplinen mehr. Ein Einbruch in der klassischen Suche wirkt sich direkt auf den AI‑Sichtbarkeitswert aus, häufig sogar stärker.
Was bedeutet das für die Strategie?
Viele wollten bislang Strategien entwickeln, um speziell in AI‑Antworten „zitiert“ zu werden – etwa durch gezielte Prompt‑Optimierung oder spezielle Seitenstrukturen. Doch solche Maßnahmen sind riskant. Wenn sie Googles Richtlinien verletzen oder nach Manipulation aussehen, können sie zwar kurzfristig AI‑Zitationen bringen, langfristig jedoch die organische Reichweite zerstören.
Das Datenbild stützt diesen Verdacht: Wer durch manipulative Taktiken in der SEO‑Wertigkeit sinkt, verliert automatisch auch in den meisten AI‑Systemen an Präsenz. Anders gesagt: Das Fundament für AI‑Sichtbarkeit bleibt klassische Suchmaschinenoptimierung, nur dass die Reichweite heute über neue Oberflächen ausgespielt wird.
Ein praktisches Beispiel aus der Praxis
Eine bekannte Software‑Marke verlor innerhalb weniger Wochen fast die Hälfte ihres SEO‑Traffics auf dem Blog. Parallel zeigte Ahrefs Brand Radar einen Einbruch von 35 % in ChatGPT‑Zitationen. Erst nachdem das Team überarbeitete Artikel veröffentlichte – mit stärkerer Datenbasis und eindeutigen Autorenangaben – stiegen die ChatGPT‑Citations wieder leicht an. Die Google‑Rankings blieben vorerst unten, aber die Korrelation zwischen inhaltlicher Qualität und AI‑Nennung blieb offensichtlich.
Zentrale Erkenntnisse
- Starker Zusammenhang: Bei Google‑abhängigen LLMs wie AI Mode, Gemini und ChatGPT verlaufen Ranking‑Verluste und AI‑Citations nahezu synchron.
- Perplexity als Sonderfall: Weniger betroffen, was auf alternative Datenquellen wie Brave Search hindeutet.
- SEO bleibt das Fundament: Ohne stabile organische Sichtbarkeit fehlen auch AI‑Erwähnungen.
- Manipulative AEO‑Taktiken (etwa Prompt‑Hacks, Cloaking) sind doppelt riskant – sie untergraben die SEO‑Basis und damit indirekt auch deine AI‑Reputation.
Mein persönliches Fazit
Aus meiner Sicht ist diese Entwicklung ein Wendepunkt. Früher galt: Wer im organischen Google‑Ranking verliert, verliert Klicks. Heute bedeutet es zusätzlich: Du verschwindest auch aus dem semantischen Gedächtnis der KI‑Antwortsysteme. Mit anderen Worten: Dein Content wird unsichtbar, nicht nur in den blauen Links, sondern auch im generativen Kontext, den Millionen Nutzer täglich nutzen.
Wer sein Online‑Marketing zukunftssicher gestalten will, muss deshalb zweigleisig fahren. Einerseits klassische SEO‑Qualitäten – fachliche Tiefe, Autorität, interne Struktur –, andererseits die neue Ebene des AI‑verwertbaren Contents: klare Fakten, eindeutige Quellenzitate, präzise thematische Fokussierung. Aber beides funktioniert nur zusammen.
Vielleicht liegt gerade hier die größte Ironie: Viele suchen den schnellen Shortcut in die AI‑Antworten, doch der langsamste Weg – nachhaltiger SEO‑Aufbau – bleibt am Ende der einzige stabile. Denn alles deutet darauf hin, dass das Ökosystem der KI‑Suchsysteme noch enger mit den organischen Rankings verflochten ist, als wir gedacht haben. Wenn du also künftig in der AI‑Suche vorkommen willst, musst du zuerst in Google überzeugen.