Wie du Google Discover wirklich verstehst – und was du daraus machen kannst
Google Discover wirkt für viele SEOs wie eine mysteriöse Blackbox. Die Plattform liefert mal enorme Reichweiten, mal passiert tagelang gar nichts – und das ohne ersichtlichen Grund. Doch tatsächlich folgt Discover klaren Mechanismen, die man analysieren, verstehen und sich zunutze machen kann. Nach Jahren der Arbeit mit Publishern, Newsrooms und großen Content-Seiten habe ich ein paar Prinzipien herausgearbeitet, mit denen sich der Schleier lüften lässt.
Im Kern geht es um zwei Dinge: Relevanz und Engagement. Wenn du lernst, wie du diese erkennst und verstärkst, bekommst du mehr aus Discover heraus, ohne dich in Clickbait zu verlieren oder deinen Markenkern zu beschädigen.
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Was Discover wirklich antreibt
Discover ist nicht dasselbe wie klassische Google-Suche. Es ist kein Ergebnis einer aktiven Suchanfrage, sondern ein personalisierter Newsfeed, der auf Nutzersignalen basiert.
Trotzdem: Google selbst sagt, dass Discover und Suche eng miteinander verbunden sind. Inhalte, die in der normalen Suche als vertrauenswürdig eingestuft werden, haben eine höhere Chance, auch im Feed zu erscheinen. Wer in der organischen Suche langfristig gute Werte bei Relevanz und Nutzerzufriedenheit aufbaut, stärkt indirekt auch seine Discover-Präsenz.
Gleichzeitig lebt Discover von Aktualität. Der Algorithmus bevorzugt frische Inhalte – News, Analysen, Trendbeiträge – alles, was auf aktuelle Ereignisse oder Entwicklungen reagiert. Evergreen-Inhalte erscheinen zwar auch, aber meist dann, wenn sie zu einem Thema wieder neue Aufmerksamkeit bekommen.
Was auf Discover funktioniert, ist weniger das „harte“ SEO, sondern stärker das Gefühl: Menschen klicken auf Inhalte, die Emotion, Nähe oder Neugier wecken. Lifestyle, Unterhaltung, persönliche Perspektiven – all das spielt hier stärker hinein als in klassischen SERPs.
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Der goldene Moment
Viele Plattformen, ob TikTok oder YouTube, kennen eine Art „goldene Stunde“. Sie entscheidet, ob ein Beitrag Fahrt aufnimmt oder versandet. Bei Discover verhält es sich ähnlich. Wenn ein Artikel unmittelbar nach der Veröffentlichung stark angeklickt wird und Nutzer positiv reagieren, erkennt die Plattform das als Signal und verteilt ihn breiter.
Daher zählt in den ersten Minuten und Stunden jedes kleine Signal – Klicks, Shares, Zeit auf der Seite. Allein deshalb lohnt es sich, frisch veröffentlichte Artikel sofort über soziale Kanäle, Newsletter oder Push-Notifications anzuschieben.
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Welche Daten wirklich zählen
Wer Discover verstehen will, darf nicht nur auf Klicks und Impressionen in der Search Console starren. Dort finden sich durchaus Daten für Discover, aber diese geben nur einen Teil des Bildes wieder. In der Praxis schaue ich mir ein Bündel an Faktoren an:
- CTR – der Dreh- und Angelpunkt für kurzfristige Performance.
- Entities – welche Personen, Marken oder Orte tauchen regelmäßig in erfolgreichen Beiträgen auf?
- Subfolder – welche Rubriken liefern die meisten Klicks aus Discover?
- Autoren – welche Stimmen genießen bei Google und Lesern Vertrauen?
- Überschriften & Bilder – was weckt Neugier, ohne enttäuschend zu wirken?
- Veröffentlichungszeit & Frequenz – wann reagiert Discover am stärksten?
Diese Punkte muss man regelmäßig beobachten und am besten in eigene Dashboards überführen. Google bietet keine vollständige API dafür, also ist oft Experimentierfreude gefragt.
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CTR – das Herzstück
CTR (Click-Through-Rate) funktioniert in Discover wie in den organischen Ergebnissen, aber in viel kürzeren Zyklen. Innerhalb weniger Stunden entscheidet sie, ob ein Beitrag sichtbar bleibt oder verschwindet.
Die Formel ist simpel: sichtbarer Beitrag + ansprechender Titel + passendes Bild = hohe CTR.
Doch nur Klicks zählen reicht nicht aus – Google misst, ob der Nutzer auch bleibt, liest, interagiert. Wer den „Neugierde-Spalt“ zu sehr ausnutzt („Dieses eine Lebensmittel zerstört dein Leben!“), wird kurzfristig belohnt, aber langfristig abgestraft.
Meiner Erfahrung nach ist eine starke CTR ein Türöffner, die Zufriedenheit der Leser aber der Türstopper, der dich drinnen hält.
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Entitäten – das semantische Rückgrat
Google ordnet Inhalte nicht nur nach Keywords ein, sondern nach Entitäten: Personen, Marken, Orte, Organisationen. Im Nachrichtenkontext ist das entscheidend.
Wenn du analysierst, welche Entitäten in deinen Artikeln vorkommen, lernst du, welche Themenbereiche dein Publikum anziehen. Zum Beispiel: Wenn Beiträge über bestimmte Promis regelmäßig gut in Discover performen, steckt dahinter ein klares Interessensprofil, das du bedienen kannst.
Ich nutze dafür gerne Named-Entity-Recognition-Tools, kombiniert mit Wikipedia oder Google Knowledge Graph, um Entitäten automatisch zu erkennen und zu kategorisieren.
So entsteht eine Landkarte: Welche Entitäten bringen Reichweite, welche nicht? Welche Kombinationen funktionieren? So ein Blick hilft dir, Themenprioritäten auch redaktionell zu justieren.
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Subfolder – thematische Hotspots
Auf großen Seiten mit vielen Inhaltsrubriken beobachtet man schnell: Einige Verzeichnisse performen in Discover deutlich besser. Gründe sind vielfältig – etwa stärkere interne Verlinkung, thematische Nähe zu Trendthemen oder einfach erfahreneres Redaktionsteam.
Ich tracke deshalb Klicks, Impressionen und CTR pro Verzeichnis. Das zeigt, wo Discover organisch „andockt“ und wo nicht.
Wenn bestimmte Themen (z. B. Lifestyle oder Finanzen) überproportional viel Reichweite generieren, kann man gezielt prüfen, ob Layout, Bilder und Headline-Ton dort eine Rolle spielen. In den meisten Fällen tun sie das.
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Autoren – Vertrauen zählt
Google hat längst erkannt, dass Inhalte von klar identifizierbaren Autoren anders zu bewerten sind. Der Algorithmus teilt Autoren Entitäten zu, beobachtet Veröffentlichungsfrequenz und thematische Schwerpunkte.
Deshalb ist es wichtig, jedem Autor eine klare digitale Identität zu geben: Profilseiten, LinkedIn, strukturierte Daten mit „author“ und „sameAs“-Attributen.
In Discover lässt sich zudem prüfen, welche Autoren regelmäßig dort erscheinen. Oft zeigt sich: Die gleichen Namen tauchen bei bestimmten Themen immer wieder auf. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck von Vertrauen – sowohl seitens der Plattform als auch der Nutzer.
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Headline-Typen – Psychologie in der Praxis
Die Überschrift ist in Discover noch wichtiger als im Suchergebnis, weil der Kontext kleiner ist. Der Nutzer stöbert, nicht sucht. Also musst du Aufmerksamkeit erzeugen – aber ehrlich.
Ich unterscheide grob zwischen:
- Curiosity-Gap-Headlines: wecken Neugier, sollten aber das Versprechen einlösen.
- Listen: „5 Wege, …“ – funktionieren, wenn sie konkret sind.
- Fragen: „Warum steigen…?“ – aktivieren Denkreize.
- How-To: liefern Wert, auch wenn sie sachlicher wirken.
- Emotionale Ausdrücke: „Die Entscheidung, die alles veränderte.“
Ein nützlicher Trick ist, den Open Graph Titel (og:title) etwas freier zu gestalten als die Haupt-Überschrift. Discover greift häufig darauf zu, und dort darf es ruhig etwas „clickier“ sein – solange es authentisch bleibt.
Ich lasse meine Headlines oft mit einem kleinen Modell oder per API prüfen, um sie automatisch nach Typ zu klassifizieren. Das schafft Datengrundlage für spätere Vergleiche: Welche Headline-Formen führen zu überdurchschnittlicher CTR?
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Bilder – mehr als nur Zierde
Was für Suchergebnisse das Snippet ist, ist für Discover das Bild. Es ist der erste emotionale Kontaktpunkt.
Google verlangt dafür mindestens 1200 px Breite – kleiner dimensionierte Bilder werden oft gar nicht angezeigt.
Tests zeigen: Menschen klicken eher auf Porträts als auf Symbolbilder, vor allem wenn Gesichter Emotionen zeigen. In Wirtschaftsartikeln funktionieren positive Gesichtsausdrücke besser, in Nachrichten eher ernsthafte. Logos oder Markenzeichen auf dem Bild können CTR ebenfalls deutlich erhöhen – vorausgesetzt, sie sind stilvoll eingebunden.
Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, die verwendeten Bilder zu kategorisieren – nach Blickrichtung, Gesichtsausdruck, Farbtemperatur. Mit einfachen Machine-Learning-Modellen lassen sich Muster erkennen: Helle, kontrastreiche Bilder mit menschlichem Fokus bringen im Durchschnitt bessere Ergebnisse.
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Timing & Frequenz – der Rhythmus der Sichtbarkeit
Discover belohnt regelmäßige, aber nicht wahllose Veröffentlichung. Bei Seiten mit hohem Ausstoß lohnt es sich, die Performance nach Wochentagen und Veröffentlichungszeiten zu analysieren.
Manchmal zeigt sich, dass bestimmte Themen an Sonntagen besser performen, andere an Wochentagen. Ebenso wichtig: die Aktualisierung. Schon ein leicht überarbeiteter, republishter Artikel kann den Algorithmus anstoßen, ihn erneut auszuspielen.
Wer hunderte Artikel im Monat produziert, sollte klar sehen, zu welchen Zeiten die Reichweiten-Peaks liegen – und wann die Redaktion ihre Power am besten platziert. Das lässt sich wunderbar mit redaktionellen Tools kombinieren.
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Alles verbinden – Discover als System denken
Am Ende bringt dir jede einzelne Metrik wenig, wenn du sie nicht verbindest. CTR ist ein Symptom, Headline-Typen und Entitäten sind Ursachen. Das Ziel ist, Muster zu erkennen und daraus Handlungsleitfäden zu schaffen.
Aus meiner Erfahrung lohnt es sich, Discover-Analysen in zwei Ebenen zu teilen:
1. Strategische Ebene
Du willst verstehen, welche Themenfelder langfristig Potenzial besitzen und wie sie sich mit deiner Markenposition decken. Hier geht es weniger um einzelne Titel, sondern um das Gesamtbild: Welche Entitäten dominieren dein Discover-Traffic? Welche Autoren tragen am meisten dazu bei? Wo siehst du Anzeichen von „Trust Building“?
2. Taktische Ebene
Hier geht’s um konkrete Einflussnahme: Headline variieren, Bilder austauschen, Veröffentlichungszeit verschieben, OG-Titel feiner abstimmen.
Wer diese Schrauben systematisch testet, kann Learnings quantifizieren. Ideal ist, alles in ein zentrales Dashboard zu bringen, das sich wöchentlich aktualisiert: Entitäten, CTR, Autoren, Zeitfenster – auf einen Blick.
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Was du besser nicht tust
Viele lassen sich von Reichweitenkurven verführen und jagen der nächsten Traffic-Welle nach. Das ist gefährlich, weil Discover volatil und launenhaft ist. Heute Top, morgen out. Deshalb: nie reine Discover-Strategien aufbauen.
Stattdessen lieber gefestigte SEO-Grundlagen mit Discover-Daten anreichern. Inhalte, die im Feed funktionieren, sind oft dieselben, die auch in der Suche gut dastehen – weil sie Nutzern wirklich etwas bieten.
Noch ein häufiger Fehler: blinder Clickbait. Der Algorithmus erkennt, wenn Nutzer zurückspringen, und straft es über die Zeit ab. Das gilt nicht nur für einzelne Artikel, sondern kann das Vertrauen in einen ganzen Publisher dämpfen.
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Dein Werkzeugkasten für Discover
Wenn du loslegen willst, hier eine praxisorientierte Checkliste:
- Exportiere regelmäßig deine Discover-Daten aus der Search Console.
- Kombiniere sie mit internen Metriken (Engagement, Shares, Bounce Rate).
- Extrahiere Entitäten per NER oder LLM, um Themenfelder zu clustern.
- Kategorisiere Headlines automatisiert (Fragen, Listen, Meinung etc.).
- Speichere dazu den CTR-Wert pro Beitrag und bilde Durchschnittswerte.
- Ergänze Bildmerkmale (Gesicht ja/nein, Emotion, Farbton).
- Analysiere Veröffentlichungszeitpunkte auf Wochen- und Tagesbasis.
- Visualisiere alles mit Blasen- oder Heatmap-Diagrammen – Muster werden dadurch sichtbar.
Damit kannst du deinen Content-Output gezielt steuern. Jede Redaktion, die regelmäßig veröffentlicht, ist im Prinzip eine eigene Datenquelle – du musst sie nur nutzen.
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Ein paar persönliche Beobachtungen
Ich finde es faszinierend, wie stark sich Discover über die Jahre verändert hat. Früher war es ein glücklicher Zufallstreffer, heute ist es ein ernstes Distributionsinstrument. Doch es bleibt unvorhersehbar – auch das gehört dazu.
Manchmal erscheinen Artikel, die man selbst für mittelmäßig hält, plötzlich auf tausenden Feeds. Andere, in die man Herzblut gesteckt hat, bleiben unsichtbar. Mein Rat: nicht zu sehr darauf fixieren. Discover ist eine schöne Ergänzung, aber kein Maßstab für Qualität.
Wenn du lernst, es als Resonanz-Test zu sehen – ein Spiegel der aktuellen Aufmerksamkeit –, kannst du Trends früher erkennen und trotzdem deiner Linie treu bleiben.
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Fazit
Google Discover ist kein Hexenwerk, sondern ein Spiel aus Daten, Timing und Vertrauen.
Wenn du die richtigen Fragen stellst – wer klickt, warum, wann und auf was – bekommst du wertvolle Insights, die weit über den Feed hinausgehen.
Das Entscheidende ist, dein Handwerkszeug konsequent zu pflegen: saubere Daten, durchdachte Headline-Strukturen, starke Autorenprofile. Entitäten analysieren, CTR im Blick behalten, veröffentlichungsfreundliche Rhythmen finden – das sind die Stellschrauben.
Und ja, ein bisschen Glück gehört auch immer dazu. Aber mit einem strukturierten Ansatz kannst du Google Discover von einer unberechenbaren Laune des Algorithmus zu einem berechenbaren Teil deiner Content-Strategie machen.
Letztlich gilt: Wer seine Nutzer versteht, braucht vor keinem Algorithmus Angst zu haben.