Google KI Overviews rauben Verlagen Klicks und gefährden offenes Web

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Es ist schon bemerkenswert, wie sich das Verhältnis zwischen großen Tech-Unternehmen und klassischen Medien entwickelt hat. Seit Jahren schwelt dieser Konflikt, doch im aktuellen Fall bekommt er ein neues Gewicht. Die Anschuldigung, dass Google den Verkehr der Verlage faktisch „aufzehrt“, ist mehr als nur eine juristische Frage – sie betrifft das Fundament des offenen Webs. Wenn du das große Ganze siehst, geht es hier um weitaus mehr als Klicks und Sichtbarkeit – es geht um die Zukunft einer fairen digitalen Informationsordnung.

Das Prinzip der „fairen Gegenseitigkeit“

Lange galt im Netz eine unausgesprochene Vereinbarung: Webpublisher erlaubten Suchmaschinen, ihre Seiten zu durchsuchen und zu indexieren – im Gegenzug erhielten sie über Suchergebnisse Besucher und damit wirtschaftliche Reichweite. Dieses Prinzip war die eigentliche Grundlage dessen, was man heute das „offene Internet“ nennt. Viele von uns, die seit den frühen 2000er Jahren mit digitalen Inhalten arbeiten, sind mit dieser stillen Übereinkunft groß geworden. Google selbst sprach früher vom „gesunden Web-Ökosystem“ und betonte, dass sein Ziel sei, Nutzer möglichst schnell zu relevanten Inhalten weiterzuleiten.

Doch genau dieses Gleichgewicht scheint nun ins Wanken zu geraten. Der Vorwurf lautet, Google habe die Spielregeln einseitig verändert – indem es Inhalte von Verlagen für die eigenen KI-gestützten Suchantworten (AI Overviews) nutzt, ohne die bisherigen Traffic-Vorteile weiterzugeben. In der Praxis bedeutet das: weniger Klicks für Verlage, mehr Verweildauer auf Googles eigenen Seiten.

Was Verlage fürchten – und warum sie kaum ausweichen können

Ich kann den Frust vieler Redaktionen gut nachvollziehen. Die Abhängigkeit von Suchmaschinen-Traffic ist für große Publisher wie auch kleine Spezialblogs real. Wenn Google nun beginnt, Antworten direkt auf der Ergebnisseite auszugeben – also, bevor jemand überhaupt eine Website besucht – entsteht ein neues Machtgefälle. Laut der Klage von Penske Media Corporation (PMC), dem Mutterhaus von Marken wie „Rolling Stone“ und „The Hollywood Reporter“, werden ihre Inhalte benutzt, um Googles eigene Suchoberfläche zu füttern. Die Nutzer bekommen die Information, lesen sie dort – und ziehen kaum noch weiter zur Quelle. Das bedeutet ein schleichendes Verschwinden der Nutzerzahlen, das schwer zu kompensieren ist.

Besonders brisant ist, dass Verlage kaum echte Alternativen haben. Wer sich weigert, Google das Crawlen seiner Inhalte zu erlauben, verliert praktisch jede Sichtbarkeit in der größten Suchmaschine der Welt. Das ist es, was PMC als „Zwangslage“ beschreibt: Entweder man gibt sein Material her, oder man verschwindet vollständig aus der Wahrnehmung.

Googles Sicht – und die Lücke zwischen Anspruch und Realität

Offiziell hält Google an seiner Haltung fest, dass das Ziel unverändert sei: „Nutzern helfen, großartige Inhalte zu finden“. Selbst CEO Sundar Pichai betonte in Interviews mehrfach, dass es weiterhin ein Grundprinzip bleibe, Besuchern Wege zu den Inhalten der Publisher zu öffnen. Doch in der juristischen Auseinandersetzung klingt das merkwürdig widersprüchlich. Googles Anwälte bestreiten, dass es überhaupt eine Art Gegenseitigkeitsabkommen gebe – ein bemerkenswerter Schwenk, wenn man die jahrelangen Selbstbeschreibungen des Unternehmens kennt.

Die Kläger halten dagegen: Das Verhältnis zwischen Suchmaschine und Publisher basiere auf eben diesem unausgesprochenen Vertrag, einer Art „Tausch fairer Werte“. Und wenn Google nun durch KI-generierte Antworten die Suchresultate zur Endstation der Nutzerreise macht, verletze es diesen zentralen Mechanismus.

Die Mechanik des Verlusts – KI als „Antwortmaschine“

Was früher eine Suchmaschine war, die Menschen zu anderen Websites führte, ist heute zunehmend eine Antwortplattform. KI-generierte Kurzfassungen, sogenannte Overviews oder „Generative AI Results“, fassen verschiedene Quellen zusammen – mit Zitaten, aber oft ohne klaren Anreiz zu klicken. Dieses Modell verändert das gesamte Nutzerverhalten: Statt zehn blauen Links dominieren nun Textblöcke, die alles scheinbar Notwendige bereits liefern.

Für die Nutzer wirkt das bequem, für Inhalteanbieter ist es katastrophal. Ein Verlag investiert Zeit, Expertise und Geld, um hochwertige Artikel zu erstellen, nur um festzustellen, dass die eigene Arbeit plötzlich als Stichgeber für eine maschinelle Antwort dient, deren Nutzen ausschließlich dem Plattformbetreiber zugutekommt. Nach Ansicht von PMC ist dies kein Fortschritt, sondern eine Form der „digitalen Enteignung“ – und rechtlich gesehen ein Missbrauch von Marktmacht.

„Cannibalization of traffic“ – der Kernvorwurf

Das juristische Schriftstück spricht von einer regelrechten Kannibalisierung der Reichweite: Google nutze die Inhalte der Publisher, um eigene Ergebnisse zu optimieren und damit die Nutzer länger im eigenen Ökosystem zu halten. Der Begriff des „Reduced Click-Through“ oder „Zero-Click Searches“ beschreibt diesen Effekt. Immer seltener verlassen Nutzer die Suchseite; stattdessen konsumieren sie den Auszug, die Antwort oder den zusammengefassten Text direkt dort. Für Verlage ist das doppelt bitter – sie verlieren einerseits Besucher, andererseits wertvolle Daten über das Nutzerverhalten, auf denen digitale Geschäftsmodelle beruhen.

Besonders interessant ist der technische Aspekt des sogenannten „grounding“. Damit ist gemeint, dass Googles generative KI ihre Antworten an realen, überprüfbaren Quellen ausrichtet – im Idealfall an seriösen journalistischen Publikationen. Genau das aber nutzt Google, so die Anklage, zu seinem Vorteil: Sie nehmen die geprüften Informationen der Verlage, „erden“ ihre KI damit und präsentieren die Ergebnisse dann als eigene, kombinierte Antwort. Für den Nutzer sieht das aus wie eine Arbeit von Google selbst – die Quelle bleibt unsichtbar oder unwichtig.

Verlage unter Druck – zwischen Zugeständnis und Unsichtbarkeit

Das Dilemma ist offensichtlich: Wer weiterhin gefunden werden will, muss sämtliche Datenschnittstellen offenhalten, inklusive KI-Crawlern und API-Zugriffen. Wer sich dagegen sperrt, verliert in den klassischen Suchergebnissen an Ranking und Sichtbarkeit. Diese Situation erinnert an frühere Monopolphasen anderer Branchen – etwa, als große Einzelhändler die Lieferantenabhängigkeit nutzten, um bessere Konditionen zu diktieren. Der Unterschied ist nur: Im digitalen Raum gibt es kaum einen zweiten Player mit vergleichbarer Reichweite.

Es ist fast ironisch. Jahrzehntelang ermutigte Google Herausgeber, qualitativ hochwertige, originelle Inhalte zu schaffen – der berühmte Rat „Schreib für Nutzer, nicht für Suchmaschinen“. Nun sind dieselben Inhalte Rohmaterial für ein System, das die Notwendigkeit des eigentlichen Besuchs auf der Ursprungsseite minimiert. Diese Verschiebung droht, das wirtschaftliche Fundament vieler Redaktionen zu zerstören – insbesondere jener, die auf Anzeigen basieren.

Von der Partnerschaft zur einseitigen Kontrolle

Wer länger in der SEO-Branche tätig ist, kennt dieses Gefühl: Früher war Google eine Art Partner, heute eher eine Instanz, der man ausgeliefert ist. Ich erinnere mich, wie Entwicklerseiten in den frühen 2010ern noch von organischen Rankings leben konnten. Heute, mit der Dominanz von Featured Snippets, AI-Overviews und integrierten Inhalten, bleibt vom klassischen Such-Traffic oft nur ein Bruchteil übrig. Für Verlage, die auf Reichweite angewiesen sind, ist das kein evolutionärer Wandel mehr – es ist existenziell bedrohlich.

PMC argumentiert, dass Google seine Marktstellung nutzt, um genau diese Abhängigkeit auszuspielen. Die Firma spricht hier von einem „Zwang zu Teilnahmebedingungen“, die Verlage nicht verweigern können, ohne im Ranking abzustürzen. Selbst der Versuch, KI-Systeme durch Robots.txt oder Metadaten auszuschließen, kann dazu führen, dass eine Seite insgesamt schlechter abschneidet – was letztlich niemand riskieren kann.

Das größere Bild: Macht, Monopol und Zukunft des offenen Webs

Wenn man die Entwicklung nüchtern betrachtet, bestätigt sich ein Trend, der schon länger sichtbar war: Plattformen wie Google, Meta oder auch TikTok kontrollieren zunehmend die Schnittstellen zwischen Produzenten und Konsumenten von Inhalten. Sie bestimmen, wem Sichtbarkeit zusteht und unter welchen Bedingungen. Für den freien Wettbewerb im Informationssektor ist das eine brisante Entwicklung – denn es führt zu einer Privatisierung des öffentlichen Diskurses.

PMC stützt sich in seinem Verfahren auf das US-Kartellrecht, konkret auf den Vorwurf des „Monopolmissbrauchs“. Es gehe nicht um bloße Innovation, sondern um die Frage, ob Google seine dominierende Stellung nutzt, um alternative Modelle – etwa unabhängige Suchanbieter oder Verlagsplattformen – wirtschaftlich auszuhungern. Diese Argumentation greift ein, wenn Innovation nicht mehr dem Markt, sondern der Machtsicherung dient. Wenn KI also zum strategischen Werkzeug wird, um Zugriffe und Datenströme exklusiv zu binden, wandelt sich technologische Weiterentwicklung in ein politisches Problem.

Und tatsächlich: Die Auswirkungen betreffen längst nicht nur große Medienhäuser. Auch kleine Fachblogs, Online-Magazine oder E-Commerce-Seiten spüren, dass Google immer häufiger den ersten und letzten Schritt der Nutzerreise kontrolliert. Das schränkt unternehmerische Vielfalt und Meinungspluralität ein – Dinge, die früher als selbstverständlich galten.

Eine stille Revolution des Nutzerverhaltens

Was mich persönlich überrascht, ist, wie still sich diese Verschiebung vollzogen hat. Kaum jemand bemerkt im Alltag, dass er immer seltener Websites besucht, sondern überwiegend Zusammenfassungen liest – auf Google, auf Social Media, im Newsfeed. KI-Systeme verschärfen das nur noch. Sie werden trainiert, Bedürfnisse schon vor der Nachfrage zu erkennen – und reduzieren damit die Notwendigkeit der eigenständigen Recherche. Das ist bequem, aber langfristig gefährlich für ein frei zugängliches Netz, in dem originäre Quellen überleben können.

Die Frage der Verantwortung

Selbstverständlich lässt sich argumentieren, dass technologische Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Innovation bringt stets Disruption mit sich. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Evolution und Einverleibung. Der Gedanke, dass ein Konzern mit marktbeherrschender Stellung die Inhalte anderer nutzt, um sein eigenes Angebot attraktiver zu machen, berührt fundamentale Fragen des geistigen Eigentums und der Wettbewerbsgleichheit.

Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass Google mit solchen Vorwürfen konfrontiert wird. Aber der Einsatz von künstlicher Intelligenz hebt das Thema auf eine neue Stufe. Während früher Suchalgorithmen einfach nur sortierten, generieren sie heute aktiv neue Texte – auf Grundlage fremden Materials. Die Grenze zwischen Zitieren und Verwenden verwischt. Für juristische Systeme, die auf klare Definitionen angewiesen sind, ist das ein Minenfeld.

Was das alles für die Zukunft bedeuten könnte

Ich glaube, wir stehen an einem Wendepunkt. Wenn die Gerichte zugunsten der Verlage entscheiden, könnte das eine Art Präzedenzfall schaffen, ähnlich wie früher die Urheberrechtsauseinandersetzungen mit Fotoplattformen oder Nachrichtendiensten. Eine mögliche Folge wäre: Google müsste künftig Lizenzmodelle oder Traffic-Garantien anbieten. Für Verlage wäre das ein Rettungsanker – für Google ein Dammbruch, der das Geschäftsmodell „kostenloser Indexierung“ neu definieren würde.

Falls das Gericht jedoch anders entscheidet, dürfte das den Trend zu Zero-Click-Ergebnissen weiter beschleunigen. Publisher müssten noch stärker auf alternative Einnahmequellen setzen – etwa Direktabos, Newsletter, oder eigene Community-Ökosysteme, um nicht völlig von Suchmaschinen abhängig zu bleiben.

Ein persönlicher Gedanke zum Schluss

Als jemand, der seit Jahren die Entwicklung der Suchlandschaft beobachtet, empfinde ich diese Situation als paradox: Nie war der Zugang zu Wissen so leicht, und doch verschwinden die Ursprungsquellen zunehmend hinter einer algorithmischen Oberfläche. Vielleicht liegt die Lösung weniger in juristischen Auseinandersetzungen als in einem neuen Bewusstsein bei uns Nutzern – dass wir nicht nur Informationen konsumieren, sondern auch Verantwortung tragen, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken.

Das offene Web, wie wir es kannten, lebt von gegenseitiger Fairness. Wenn einer der größten Akteure dieses Gleichgewicht aufkündigt, wird es nicht nur zu einer wirtschaftlichen, sondern auch zu einer kulturellen Frage. Denn am Ende steht die Erkenntnis: Ein offenes Internet funktioniert nur, solange alle davon profitieren dürfen – nicht nur die Plattform, die es organisiert.

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Tom Brigl, Dipl. Betrw.

Ich bin SEO-, E-Commerce- und Online-Marketing-Experte mit über 20 Jahren Erfahrung – direkt aus München.
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