In den letzten Monaten hat sich in der digitalen Welt viel verändert – nicht zuletzt durch den rasanten Fortschritt der großen Sprachmodelle, der sogenannten LLMs (Large Language Models). Viele Marketer, SEO-Strategen und Content-Verantwortliche stehen sich die gleiche Frage: Muss ich jetzt meine gesamte Content-Strategie überdenken?
Ich sage: nicht unbedingt. Zumindest noch nicht. Was ich meine, ist, dass du die Veränderungen verstehen und beobachten solltest, ohne gleich alles über den Haufen zu werfen. Es gibt bestimmte Prinzipien, die weiterhin gelten – Identität, Vertrauen und Konsistenz bleiben Grundpfeiler einer nachhaltigen Content-Strategie. Aber das Spiel bekommt neue Regeln, und wer sie versteht, kann langfristig profitieren.
Nicht zu schnell handeln
Ich weiß, wie verführerisch es ist, sofort auf jeden neuen Trend zu reagieren – überall liest man, dass LLMs die Suche, den Traffic und Content radikal verändern. Doch die Realität ist deutlich weniger stabil, als es den Anschein hat. Noch ist völlig offen, wie tief Künstliche Intelligenz in die klassische Suche eingebettet sein wird. Selbst Googles aktuelle Tests mit „AI Mode“ sind nur Momentaufnahmen. Wenn diese Ergebnisse irgendwann in die normale Suchergebnisliste rutschen, könnte sich alles erneut verändern. Wir wissen nur eines sicher: Das System ist noch in Bewegung.
Deshalb macht es wenig Sinn, jetzt hektisch Strategien umzustellen. Stattdessen solltest du beobachten, lernen und überprüfen, wo du gerade stehst. Wenn du überhastet alles neu denkst, arbeitest du gegen eine sich ständig verschiebende Landschaft. Was heute clever wirkt, kann morgen obsolet sein.
Warum du deine Erwartungen an Traffic überdenken musst
Der wohl größte Unterschied zwischen klassischer SEO und der neuen Welt der LLMs liegt darin, wie Menschen Inhalte konsumieren. Früher hast du Content erstellt, um über Keywords gefunden zu werden, Klicks zu erhalten – und so Besucher auf deine Seite zu bringen. Doch LLMs funktionieren anders: Sie wollen nicht weiterleiten, sondern Antworten geben.
ChatGPT, Gemini oder Perplexity sind nicht dafür gebaut, dich mit Traffic zu beschenken. Sie transportieren Wissen – oft ohne direkte Citation, also Quellennennung. Selbst wenn du erwähnt wirst, landet der Nutzer in vielen Fällen nicht auf deiner Seite. Deswegen ist die entscheidende Frage nicht mehr: „Wie viele Klicks bringt mir das?“ sondern: „Welche Rolle spielt meine Marke in der Antwort?“.
Wenn ein Nutzer eine Frage zu Laufschuhen stellt, wird die LLM-Antwort vielleicht zwischen Nike, Adidas oder New Balance differenzieren. Aber nicht jede Nennung führt zu einem Klick – und doch entsteht Eindruck, Vertrauen, Markenbewusstsein. Genau diese unauffällige, indirekte Präsenz wird zur neuen Messgröße.
Insofern sind Erwähnungen wertvoller als Zitate. Sie sind das, was Maschinen und Menschen gleichermaßen erkennen: Sichtbarkeit im Kontext. Und Sichtbarkeit heißt in diesem Fall: ein Teil des Gesprächs zu sein.
Die neue Rolle des Markenerlebnisses
Früher war SEO rein technisch – Meta-Tags, Backlinks, Ladezeiten. Heute verlangt es etwas Tieferes: Markensynergie. LLMs wollen ein Gesamtbild. Sie lernen aus Artikeln, Erwähnungen, Social Signals, Produktbewertungen, Journalismus. Es ist wie ein Puzzle: Wenn überall dieselbe Botschaft über deine Marke kursiert, erkennt die KI eine konsistente Identität – und das stärkt die Wahrscheinlichkeit, dass du als Quelle erscheint (oder zumindest erwähnt wirst).
Und das führt zu einem wichtigen Punkt: Deine Inhalte – ob auf deiner eigenen Website, bei Partnern oder in Social-Media-Kontexten – müssen nicht nur gut sein, sondern kohärent. Wer du bist, was du vertrittst, wie du sprichst, muss überall zusammenpassen. Wenn du etwa als nachhaltige Modemarke auftreten willst, aber deine Blogposts wie Werbeplakate klingen, passt das nicht. Ein LLM erkennt diesen Bruch, ebenso wie deine Zielgruppe.
Praxisbeispiel
Stell dir vor, jemand fragt ChatGPT: „Welche Marken stehen für faire Mode?“ Wird dein Unternehmen genannt? Wenn nicht, frag dich: Liegt das daran, dass du nicht sichtbar bist, oder daran, dass dein Narrativ zu unklar ist? Diese Art von Reflexion ist der neue Kern der Contentstrategie. Du schreibst also nicht mehr nur für Suchmaschinen, sondern für ein sprachliches Ökosystem, das Kontext und vernetzte Bedeutung versteht.
Wie du prüfen kannst, wie LLMs deine Marke wahrnehmen
Das klingt abstrakt, ist aber messbar. Du kannst eigene LLM-Audits durchführen. Einfach ausgedrückt: Frag verschiedene Sprachmodelle (GPT, Gemini, Claude, Perplexity) nach deiner Branche, deinem Produkt oder deiner Marke. Achte dabei auf Nuancen. Wird dein Name genannt? Und wenn ja, in welchem Tonfall? Ist die Antwort positiv-neutral oder vorsichtig-distanzierend?
Ich habe solche Experimente selbst durchgeführt und festgestellt: KI-Antworten sind meist positiv formuliert, aber es gibt feine Unterschiede. Wenn ein Modell schreibt „Produkt X ist beliebt bei vielen Kunden“, ist das schwächer als „Produkt X gilt als führend in seiner Kategorie“. Diese Formulierungsunterschiede zeigen die noch unbewusste Markenwahrnehmung, die Maschinen aus den verfügbaren Inhalten ziehen.
Versuch also, das zu lesen, was zwischen den Zeilen steht. Diese subtile Wahrnehmung sagt dir mehr über deine Marktposition, als jede Keywordanalyse es könnte. Und genau da liegt dein Hebel: Nutze diese Erkenntnisse, um das Fremdbild zu justieren – über klarere Kommunikation, PR, gezielten Aufbau von Expertise-Content und Partnerschaften.
Die Bedeutung von Identität und Konsistenz
Wenn du wissen möchtest, wie du diese Wahrnehmung formst, lautet die Antwort: durch klare Markenidentität. Das ist kein Schlagwort – es ist die Grundlage, auf der moderne Content-Strategie funktioniert. Du solltest dir bewusst machen, wer du bist, was dich unterscheidet und warum das wichtig ist. Nicht als Marketingfloskel, sondern als Haltung, die sich in jedem Stück Content widerspiegelt.
Viele erfolgreiche Marken haben verstanden, dass Content Identität ist. Sie nutzen Texte, Videos, Interviews, Social-Beiträge, um eine Geschichte zu erzählen – dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Und genau das erkennen auch LLMs. Modelle bewerten keinen Stil im klassischen Sinn, aber sie erkennen thematische Tiefe, redaktionelle Konsistenz und das ständige Wiederkehren eines Werts, einer Botschaft oder Expertise.
Was du vermeiden solltest:
- Beliebige Themenabdeckung ohne Bezug zur eigenen Marke
- Inhalte, die nur Trends hinterherlaufen
- fehlende klare Sprach- oder Themenidentität
Je klarer deine Linie, desto eher kann ein LLM (und damit auch die Nutzer) „verstehen“, wofür du stehst. Und was verstanden wird, wird häufiger zitiert – direkt oder indirekt. Das ist der moderne Weg zur Autorität.
Wie du deine Strategie konkret anpasst
Du musst nicht alles neu erfinden, aber du kannst smarter vorgehen. Hier ein Ansatz, den ich in meiner Arbeit oft empfehle:
1. Audit durchführen
Analysiere, wie KI-Modelle über dein Unternehmen oder deine Themen sprechen. Beurteile Tonfall, Quellen, Zusammenhänge und besonders die Lücken in der Darstellung. Wo wirst du unterschätzt oder gar nicht erwähnt?
2. Inhaltliche Synergien stärken
Verbinde Content-Marketing, PR, Social Media und SEO wieder enger. LLMs betrachten den digitalen Raum als Netzwerk – genau das solltest du auch tun. Ein hochwertiger Artikel hat doppelten Wert, wenn er auf LinkedIn diskutiert, auf Reddit zitiert oder auf YouTube erklärt wird. Diese Vernetzung formt das Bild, das Maschinen replizieren.
3. Denkanstoß: Marke als Erzähler
Einer meiner größten Aha-Momente war, als ich erkannte, dass Marken wie Personen behandelt werden. Jede hat ihre Stimme, ihr Vokabular, ihr Verhalten. Wenn du das in all deinen Inhalten konsequent hältst, entsteht Vertrauen – und Vertrauen ist das, was LLMs zu Wiedererkennungswert macht.
Von der Suche zur Wahrnehmung
Früher hieß es „Wie ranke ich für Keyword XY?“ Heute lautet die Frage: „Wie erinnert sich das Netz an mich?“ Das mag poetisch klingen, ist aber messbar: Suchst du nach deinem Markennamen verbunden mit Werten oder Themen, siehst du, wie konsequent deine Story draußen erzählt wird. Das ist keine reine SEO-Frage mehr, sondern eine Identitätsfrage.
Wenn Sprachmodelle dein Unternehmen beschreiben, dann tun sie das auf Basis dessen, was sie im kollektiven Internet finden. Jeder Blogbeitrag, jeder Artikel, jedes Review speist diese Wahrnehmung. Deswegen ist deine Aufgabe nicht, alles auf künstliche Intelligenz zuzuschneiden, sondern konsequent menschlich zu bleiben – relevant, vertrauensvoll, echt.
Fazit – die ruhige Hand behalten
Wir stehen am Anfang einer neuen Phase des digitalen Marketings. Ja, LLMs verändern vieles, aber sie ersetzen keine Marke mit Charakter. Im Gegenteil: Je stärker deine Identität, desto mehr Gewicht bekommst du – auf jeder Plattform, in jedem Modell, in jeder Suchmaschine.
Also, bevor du hektisch in Aktionismus verfällst, fokussiere dich auf das, was wirklich zählt:
Konsistenz, Vertrauen, Bedeutung.
Überprüfe, wie du wahrgenommen wirst, justiere deine Marke, und lass Inhalte sprechen, die deine Haltung klar zeigen. Der Rest – KI, LLMs, Algorithmen – wird folgen.
Am Ende geht es nicht darum, KI zu überlisten, sondern sie dazu zu bringen, dich zu verstehen – als Marke, als Stimme und als Experte deines Fachs. Genau das ist die Art von Content-Strategie, die Zukunft hat.